Facebook: Eine kleine Kritik

Vor 3 Jahren habe ich meinen Freunden prophezeit, dass sie in einem Jahr Twitter und in zwei Jahren Friendfeed für sich entdecken werden. Aus ersterem ist bei den meisten zum Glück nichts geworden. Zweiteres – Friendfeed – war für mich damals das innovative Social-Network-Konzept schlechthin. Dort konnten die Nutzer jegliche ihrer Onlineaktivitäten in einem “Stream” aggregieren (YouTube Favoriten, neue Flickr Bilder, Links, Musik, Text usw.), alle Freunde konnten die Posts “liken” (im Sinne von “Gefällt mir” auf Facebook) und kommentieren. Obendrauf gab es wöchentliche Charts der beliebtesten Posts und auch Gruppen wo die Aktivitäten auf spezielle Themen gefiltert waren.

Meine Freunde haben jetzt zwar keinen Friendfeed Account, sie sind aber hellauf begeistert von der Funktionalität. Denn Facebook hat vor einem Jahr angefangen sie zu kopieren. Bezahlt hat Facebook dann später und Friendfeed für 50.000.000$ aufgekauft. Damit kam der Status-Stream, das Liken und Kommentieren von jeder Aktivität, integrieren von externen Links, und einbetten von Videos, Bildern usw. zu Facebook. Indirekt blieb es also dabei, das jetzt alle Friendfeed für sich entdeckt haben. Ich – und ich denke, einige andere aus meinem Freundeskreis auch – sehe das mittlerweile etwas skeptisch.

Ursprünglich nimmt man an Facebook teil, um die Aufgaben der Kommunikation zu vereinfachen, um auf effektive Weise “in Kontakt” zu bleiben, in einer sich auseinanderlebenden Welt. Aber man driftet von diesem einwandfreien Vorhaben schleichend ab und verfällt der anklickbaren Kommunikation, indem man nicht nur mit entfernten Menschen “in Kontakt bleibt”, sondern auch mit den Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung virtuell kommuniziert. Eine unbedingte Konsequenz. Facebook will es so. Der “Freundefinder” hilft gerne dabei immer mehr und immer unbedeutendere Kontakte zu knüpfen.

Facebook versucht mit allen Mitteln die Kommunikation für sich zu beanspruchen und verleitet die Nutzer dazu die angeblich “vereinfachte” virtuelle Kommunikation anderen Wegen vorzuziehen. Vereinfacht, weil eine Eingabebox und ein “Gefällt mir” Button nicht selbst antworten und nachfragen können. Die Kommunikation wird also indirekt, läuft nebenher oder kann pausiert und fortgesetzt werden ohne das sich Teilnehmer zeitlich oder räumlich abstimmen müssten. Dafür gab es bereits Lösungen, wenn auch bisher keine so bequeme. Aber Bequemlichkeit kam noch nie ohne Konsequenzen in unser Leben. Facebook ist dazu gezwungen die Kommunikation zu vereinfachen, weil es das Kommunikationsvolumen durch zahlreiche Faktoren (Indirektheit, Omnipräsenz, das Jeder sieht alles Prinzip, Werbung, Vorschläge, Gruppen, Fan Pages) vorher ins Unendliche steigert und selbst die Vereinfachung bzw. Verknappung in der Form von “Gefällt mir”-Buttons erzeugt wieder neue Kommunikation. Überall bekommt man Aufforderungen (Vorschläge für Freunde, Musik, Organisation, Kontaktmöglichkeiten) zu einem Mehr an Kommunikation.

Es ist ein Trugschluss, dass Facebook die Kommunikation vereinfacht. Facebook bläht sie auf, macht sie zu einer Dauererscheinung (was sie sowieso ist, aber nur räumlich begrenzt), leitet sie in fremde Streams, was sie wiederum politisiert und verkompliziert. Damit wird es zu einer zeitaufwendigen Disziplin in der Gesamtheit der Kommunikation. Durch das Prinzip, das über jede Aktivität des Nutzers weiteste Kreise informiert werden – nach dem Motto: Spread the word, no matter how meaningless -, wird man vollgedröhnt mit Nichtigkeiten zwischen denen die eigentlichen Gründe der Facebook-Mitgliedschaft (um “in Kontakt zu bleiben”) erst mal ausfindig gemacht werden müssen. So werden dem Nutzer Aktivitäten und Nachrichten zwischen entfernten Kontakten unaufgefordert unter die Nase gerieben – wegschauen ist unmöglich und driftet man doch mal an den Bildschirmrand ab, fordert der “Freundefinder” zu seinem Gebrauch auf. Ab und an entdeckt man tatsächlich etwas Interessantes und wird belohnt für eifriges Mitlesen von lauter Belanglosem: Ein gutes Lied oder ein Fotoalbum von einem entfernten Urlaubsort (an dem man vielleicht selbst schon war und jetzt auch der Freund dritten Grades). Nach dem Konsum dieser Informationsperlen, bleibt die selbstkritische Frage, ob man stattdessen nicht etwas Sinnvolleres hätte machen können. Denn obwohl man eigentlich zur effektiven Kommunikation mit seinen wichtigsten Freunden dort ist, konsumiert man unaufhaltsam Inhalte, die einem aufgegeben werden – und zwar größtenteils ohne jegliche aktive Kommunikation.

Hinter den einzelnen Einträgen, die die Mitglieder erzeugen, steckt keine Absicht die man verurteilen könnte. Jeder Macht tagtäglich schöne oder witzige Erfahrungen und will so viele Menschen wie möglich teilhaben lassen. Das ist normal und gut so aber durch Facebook bekommen unzählige Menschen eine penetrante Stimme die vorher stumm geschaltet war. Inwiefern ein gesehenes YouTube Video eine Erfahrung ist, die geteilt werden muss, ist relativ und fraglich. Es wird Konsum weitervermittelt. - Und das ist nicht mal eine Art von Konsum, der produktiv im wirtschaftlichen Sinne wäre sondern nur kontraproduktiv im zeitlichen Sinn. Nicht nur durch Freunde und Freundes-Freunde sondern auch durch Unternehmen wird kräftig von den Vermarktungsmöglichkeiten Gebrauch gemacht. Hinter der Intention von Mark Zuckerberg, Peter Thiel und den anderen Investoren von chinesischen Geschäftsleuten bis zu Microsoft, steckt letztendlich Profitgier.

Es gibt im Internet nicht nur massenhaft Seiten, die die “Top Ten Reasons to Quit Facebook” aufzeigen, sondern auch einige, die zehn Gründe propagieren, warum man Facebook keinesfalls verlassen darf. Um Sie zusammenzufassen: Man verliert seine Marketing Plattform – ob als Privatperson, Künstler oder Unternehmen. Die Effektivität bleibt bei Facebook für die meisten aber hinter anderen Möglichkeiten zurück. Facebook ist kein Ort um entdeckt zu werden, sondern nur ein Ort, wo sich zu Entdeckungen bekannt wird. Es dient dem Profilierungsdrang der Nutzer. Den Horizont erweitern und andere einbeziehen geht auch ohne Facebook. Meist sogar viel spannender, weil nicht virtuell, deshalb mit intensiveren Erlebnissen und Unterhaltungen verbunden und so auch einprägender (das Gehirn merkt sich Erfahrungen/Wissen leichter, umso komplexer die Verarbeitung ist und umso größer die Emotionen dabei sind).

Seine Produkte und kreativen Ergüsse – egal, ob man schreibt, fotografiert, dichtet, musiziert, querdenkt oder KitKat verkauft – werden nicht auf Facebook entdeckt oder gar lieb gewonnen, sondern auf anderen Wegen. Ein Artikel, ein Konzert, eine Ausstellung oder Lesung ist viel effektvoller. Wenn ein Produkt gut ist, funktioniert die Verbreitung auch ohne Facebook und wenn es nicht gut ist, gibt es auch mit Facebook kein Mehr an Konsumenten. Der Kreative investiert Zeit und Mühe, erntet aber nur digitale Blicke und Klicks ohne echten Effekt. Die wahren Fans folgen und verfolgen, womit sie sich identifizieren – egal wie -, die anderen “Fans” folgen auch auf Facebook nicht, bekennen sich höchstens im Sinne ihrer eigenen Profilierung. Für ein Unternehmen und die Künstler bleibt Facebook sekundär, ein Zusatz, aber kann nicht essentiell sein.

Eine kritische Masse für sein Vorhaben als Neueinsteiger über das Internet zu gewinnen ist nicht unmöglich, bleibt aber die Ausnahme. Für die persönliche Weiterentwicklung oder gar den Einstieg in sein Fach oder seine Branche ist es nur Irritation (z.B. als Fotograf). Ernsthafte Weiterentwicklung ist nicht möglich, auch wenn sich vereinzelt Chancen im Freundeskreis ergeben können. Anerkennung seiner Leistungen im eigenen sozialen Umfeld ist schnell gesichert, quasi inklusive und selbstverständlich; zwar wunderbar und hilfreich, aber nicht entscheidend. Es befriedigt persönliches Verlangen nach Anerkennung und Rückmeldung auf seine Werke. Leider unzureichend für ernste Vorhaben, dennoch genug, um nicht effektivere Wege zu gehen, ein Publikum zu erreichen. Facebook ist dann nicht nur sekundär, sondern Stagnation in Mittelmäßigkeit und Irrweg. Für die Privatperson fällt der Nutzen noch geringer aus. Es bleibt interessante Links, Zitate, Erlebnisse und seine Meinung zu verkünden.

Sich mitzuteilen bleibt Aufgabe der Kommunikation, ob mit oder ohne Facebook, aber der Umfang und die Konsequenzen die durch Facebook entstehen sind fragwürdig und relativ kontraproduktiv für den, der gerne produktiv(er) wär. Was schadet es, entdeckte Fundstücke nicht sofort für ein paar Likes in den Stream einzuspeisen, sondern später bei passender Gelegenheit im direkten Gespräch zum Besten zu geben. Oder sie gar ganz für sich zu behalten, um die Entdeckung in Ruhe zu genießen – frei von ständigem Mitteilungszwang. Und weiter, nicht nur zu entdecken, um des Mitteilens Willen. Selbstbeschränkung war schon immer ratsam, wo Bequemlichkeit durch fortschritt entsteht.

Denn was erntet man tatsächlich? Durch das Liken drückt jemand zwar Teilnahme aus, aber offensichtlich zu wenig, um einen sinnvollen Kommentar abzugeben und viele “Follower”, die tatsächlich ein Interesse verspüren, liken noch nicht mal sondern stalken nur ohne aktive Kommunikation. Dann gibt es die Follower, die einen zwar nicht tangieren, aber trotzdem gewillt sind einen Kommentar abzugeben. Natürlich gibt es immer noch die wirklichen Freunde (weshalb man ursprünglich zu Facebook kam), aber bei denen bleibt es nicht. Facebook will es nicht so. Und es wird nach Facebooks Regeln gespielt. Also endet alles in aufwendiger und mehr oder weniger gewollter Konversation, um die man sich gefälligst zu kümmern hat.

Aktiv wird man von der Plattform überall verfolgt:

  • Benachrichtigungs-E-Mails
  • Handy Apps
  • SMS (es gibt Verträge mit Mobilfunkanbietern in Afrika, um auch in den Handy-Nationen Facebook zu verbreiten)
  • am PC Zuhause sowie auf der Arbeit
  • Integration auf nahezu jeder erwähnenswerten Internetseite und mit allem was irgendwie “Social” sein möchte (Like-Buttons, Authentifizierung per Facebook Account)

Alles was vernetzt ist, wird von Facebook infiltriert. Facebook  beansprucht die Kommunikation. Dazu baut das Unternehmen eine umfangreiche Infrastruktur und durchzieht das ganze Internet mit seinen Buttons. Profit ist die Motivation.

Die Plattform hat eine Kultur des Vergnügens und Profilierens, so dass ernste Diskussionen kaum Chancen auf Erfolg haben, ohne verfrüht abgebrochen zu werden oder unterzugehen im progressiven Stream der ständig nach neuen Aktivitäten verlangt und alles Vergangene nach wenigen Stunden in den endlosen Tiefen von Facebook verschwinden lässt. Auf Friendfeed (das immer noch separat betrieben wird) entstehen immerhin noch gute und längere Diskussionen, was einerseits durch die erwachsenere Kultur  und qualitativ besserer Posts und andererseits durch eine Option, die dem Nutzer vergangene Diskussionen mit seiner Beteiligung auflistet, um sie weiterzuverfolgen, ermöglicht wird. Auf Facebook herrscht ganz offensichtlich und bewusst kollektive Zeitverschwendung a la Mafia Wars und Glückskekse. Man muss sich nicht daran beteiligen, aber der Kultur, die dadurch auf Facebook entstanden ist, entkommt man als Nutzer ebenso wenig. Facebook will es so. Des einen Konsum ist des anderen Profit.

Das alles gilt nicht nur für Facebook. Facebook steht für andere Social Networking Dienste als Platzhalter und Platzhirsch. Facebook ist Kern und Vorreiter der Entwicklung. Mark Zuckerberg denkt langfristig. Aktuelle Proteste gegen Facebook’s Privatsphäre-Politik sind die Aufmerksamkeit des Visionärs kaum wert. Er schreitet voran, Facebook Links und Buttons zu verbreiten und mit Sicherheit auch bald darüber hinaus. Er weiß, dass Soziale Netze mit der Gunst der Nutzer kommen und gehen. Deshalb positioniert Facebook sich nicht nur im eigenen Reich auf facebook.com, sondern baut überall Außenposten auf, um mehr Nutzer und mehr Kommunikation in das System zu holen. Unter dem Deckmantel von Social Networking wird Konsum vermittelt.

So erkennt Maryanne Wolf: “das Internet gibt mir das Gefühl, immer das nächste und nächste tun zu müssen. Und das setzt sich plötzlich auch im sonstigen Leben so fort. Das Netz ist das schwarze Loch unserer Gesellschaft, es verschlingt unsere Zeit.” Es gibt unendlich Möglichkeiten, unendlich Wissen, unendlich Spiele, unendlich Musik, unendlich Diskussionen – wir können jederzeit Teilnehmen. Die Möglichkeit zur Teilnahme ist gleichzeitig eine Aufforderung die uns anzieht und ablenkt. Die Welt wird zu einer Fundgrube, in der gebuddelt wird, nur um zu finden. Eine Armee von Sammlern gräbt sich durch YouTube, Foto-Blogs und Nachrichtenportalen, um ihre besten Exemplare im Social Network zur Schau zu stellen. Wer das dementieren möchte, muss sich die Frage stellen, warum bevorzugt neue und möglichst exotische Stücke den Weg in Facebook’s Stream finden? Trotz dieses Such- und Sammelwahns, schafft der einzelne es nie zu einer kompletten oder auch nur annähernd strukturierten Sammlung, denn der Stream verschlingt unendlich und wartet auf Nachschub. Er zeigt nur einen aktuellen Ausschnitt und versteckt den tatsächlichen Exzess in den tiefen von Facebook – nur für Facebooks Augen sichtbar. Aber wer wollte sich auch tatsächlich in vollem Umfang das Elend von sich immer wiederholenden Likes und kaum zu unterscheidenden Kommentaren vor Augen führen, mit denen sich immer wieder aufs Neue der Moment vertrieben wird. Wer in seinem Stream 50 mal auf “Älter” klickt und von oben nach unten scrollt, könnte leicht an kollektiven Realitätsverlust denken.

Ich möchte sie eigentlich überhaupt nicht teilen, aber mit Blick auf Facebook erscheint die arrogante Antwort von Jean-Jacques Sempé, auf die Frage, was die Menschen beschäftigen würde, nahe liegend: “die Langeweile”.

Für das soziale Tier Mensch ist es in unserer Überflussgesellschaft nicht weniger wichtig zu kommunizieren als zu essen, aber wie beim Essen muss auch bei der Kommunikation darauf geachtet werden, wie viel und was man sich wie schmecken lässt. In einem zweiten Teil, möchte ich dazu demnächst noch ein paar Ansichten loswerden…

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One comment

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    Ich denke aber das sich Facebook für manche doch rentiert bzw sogar Haupteinnahmequelle ist. EIne Milliarden FIrma wie Zynga hat ihr kerngeschäft auf Facebook und würde ohne die Seite nicht existieren.

    Im großen und ganzen hast du aber mit allem Recht.

    Außer das Essen imo wichtiger ist als Kommunizieren =D

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