China: Drei Monate – Drei Bücher

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Wisst ihr für welche Städte die Kurzformen stehen? Bei asiatischen sähe es da wahrscheinlich nicht ganz so rosig aus. Unter anderem wegen dieser allgemeinen Unwissenheit was Asien/China angeht (insbesondere Historie und Kultur), habe ich mich dem Thema gewidmet. Ausserdem hielt ich die Ansichten von Helmut Schmidt allgemein für spannend, was mich auch zu dem ersten Buch gebracht hat in dem ein Dialog mit ihm über China aufgezeichnet wurde. Und weil man sich nie auf eine Sicht der Dinge begrenzen sollte, gab es noch zwei Bücher dazu.

Ohne groß rumsülzen zu wollen, wird der Eintrag eigentlich nur ein Recap von dem, was ich durch die Bücher gelernt habe.

Grob zu den Büchern:

  • Nachbar China hat die politischen Leitfiguren aus nächster Nähe (durch die Treffen Helmut Schmidts), Chinas Weltpolitik und die Herausforderungen im Inland beschrieben. (1950-2000)
  • Der Autor von Chinas Rebellen (gegen die Machthaber) hat die bedeutendsten Dissidenten aufgrund unzähliger Interviews und Treffen hautnah beschrieben. Ihre Ansichten, Lebensgeschichten, Einflüsse, Beweggründe, Geschichte. Das Buch betrachtet im Gegensatz zu Nachbar China, die politische Situation aus Sicht der unteren Bevölkerungsschicht und nicht aus Sicht der Entscheider. Die Historie und Kultur von Singapur, Taiwan, Hongkong und China selbst kommt dabei nicht zu kurz.
  • Chinas Geschichte im 20. Jahrhundert ist einfach eine trockene Aneinanderreihung der Ereignisse, von denen viele nur angeschnitten werden. (zusammen vllt. 3 Seiten über Rebellen, verglichen mit 400 Seiten im vorherigen Buch dazu.)

Die Bücher in umgekehrter Reihenfolge zu lesen hätte mir einiges an Nachschlagen bei Wikipedia erspart, vorausgesetzt ich wäre dann über das sehr trockene erste Buch hinausgekommen. Chinas Rebellen war definitiv das beste Buch – vom Schreibstil sowie von den Einblicken in Chinas Entwicklung und Kultur her.

Ausserdem hat es mir klar gemacht, dass China nicht gleich China ist. Geographisch ist es genauso unbefriedigend definiert wie ethnisch. Von der Diaspora (Exilanten) abgesehen, gibt es da Singapur, Taiwan, Hongkong und Tibet die mehr oder weniger zu China verbunden sind (SP) oder dazu gehörten (Taiwan) oder wieder gehören (HK) oder immer noch nicht wirklich gehören (Tibet).

In China selbst sind die riesigen Dimensionen im Inland klar geworden und welche Herausforderungen das für die Politik schafft(e). Zum Beispiel gab zwei wesentlich unterschiedliche religiöse bzw. philosophische Bewegungen bis Anfang des 20. Jahrhunderts: Konfuzianismus und Daoismus (Norden und Süden) mit massiven kulturellen Unterschieden. Der Daoismus hat schon gegen Ende das Kaisertums an Bedeutung verloren, der Konfuzianismus ab 1915. Seit dem herrscht relative religiöse Orientierungslosigkeit. Wobei die beiden Lehren im 20. Jahrhundert immer wieder auftauchten und auch der Buddhismus eine Rolle spielt. Viele sehen gar das Christentum als Voraussetzung zur Demokratie und Neuzeit. Ausserdem gibt es aktuell 30? 60? Minderheiten (ethnisch, religiös) die offiziell anerkannt werden aber in Praxis weiterhin oft diskriminiert werden nur nicht mehr so offiziell wie vor den 80ern.

Die riesigen Dimensionen beziehen sich auch auf die Sprache die diverse Dialekte hat, die sich wesentlicher von einander unterscheiden als “noch da Wiesn bin i owai so daloawed” und “daans opp de deel”. Ausserdem sind da noch die allgeminen geographischen Unterschiede und die Weitläufigkeit Chinas. Wie hielt man ein politisches System in den 50ern über tausende von Kilometern aufrecht?

Machen wir’s kürzer… Ich habe ne ganze Menge Fakten über Chinas Geschichte gelernt:

  • Die politischen Schlüsselfiguren der verschiedenen Phasen (Sun Yatsen, Chiang Kaishek, Mao Zedong, Deng Xiaoping, Jiang Qing (w), Hua Guofeng, Chen Yun, soll reichen…)
  • Die Kaiserreiche bis 1911 mit ihrer Gewalt, Unterdrückung und Kriegen
  • Der ständige Imperialismus durch die USA, GB und Japan
  • Die ständige Zersplitterung im Inland und politisches Chaos zwischen 1911 und 1949
  • Die beiden primären politischen Parteien Guomindang und Kommunistische Partei (die in den Anfangsphasen auch kooperiert haben gegen den Imperialismus und Warlords)
  • Die verschiedenen Bewegungen:
  • Boxeraufstand (1900) gegen den Imperialismus
  • 4. Mai Bewegung (1919): kulturelle Revolution, Abkehr vom Konfuzianismus, Boykotte, Proteste
  • Hunder-Blumen-Kampagne (1957): Verarschung der KP-Kritiker, die dann alle abgeschlachtet wurden.
  • und diverse andere
  • Politische Phasen (Kaiserreich, Chaos, Diktatur, Bürgerkriege, Ein-Parteien-System, Öffnungspolitik, Kapitalismus)

Und viele viele viele andere Sachen. Mein Gott, ich könnte fast nen Buch schreiben, so lang sollte das hier gar nicht werden. :)

Das 20. Jahrhundert war voller Unterdrückung, Imperialismus, Kriege, Bürgerkriege, Gewalt, Hungersnöte und Veränderungen. Und vorher war es eigentlich auch nie besser. Es gab unter Mao Zedong ab 1949 totale Instabilität und ein hin und her. Es war eine quasi Diktatur die sich als demokratisch bezeichnete, wobei demokratisch hieß: “im Sinne der Bürger”. Mao hat die Reichen enteignet und kommunistische Verhältnisse geschaffen (Mitte der 50er gab es keine Privatwirtschaft mehr), er war lange in Moskau und hat sich alles abgeguckt. Er hat den Bürgern immer mehr abverlangt und im “großen Sprung nach vorne” endete alles in einer 3 jährigen Hungerkatastrophe.

Die Zahlen die Mao bekommen hat waren alle verschönlicht, durch seine ständige Tyrannei der Bürger und innerhalb der Partei hat sich niemand getraut die Wahrheit zu sagen: Alles läuft falsch und du bist nen Idiot. Das Problem einer Diktatur ist, das Fehler zu spät erkannt werden, weil keine offene Diskussion stattfinden kann. In Demokratien dauert dafür alles länger und Fehler sind auch nicht ausgeschlossen…

So gesehen war die KP aber nie ein wirkliches Ein-Parteien-System. Innerhalb der Partei gab es diverse Gruppen was insbesondere nach Maos Tod zu spüren war. Ein hin und her um die Öffnung Chinas zum Weltmarkt. Deng Xiaoping hat sich letztendlich durchgesetzt und der Kapitalismus kam nach seinem Tod mit seinen Vorteilen (Kapital, Wohlstand für Teile der Bevölkerung und Regionen, Weiterentwicklung, Investitionen) und mit seinen Nachteilen (Kluft zw. reich und arm, Umwelt, Kapital,…).

Militärisch gesehen hat sich China übrigens nach dem Kaiserreich eigentlich immer nur defensiv gegen andere Staaten verhalten (außer Koreakrieg?). Japan hingegen hat China bei diversen Gelegenheiten angegriffen. China ist selbst heute noch eine militärische Kleinmacht.

Unterdrückung findet auch heute noch statt, as u know. Am 1. Weihnachtstag 2009 wurde Liu Xaiobo zu 11 Jahren Haft verurteilt wegen der Charta 08 die von 5000 chinesischen Intellektuellen unterzeichnet wurde. Vor 4 Tagen hat Tan Zuoren 5 Jahre haft bekommen. Andererseits haben die Chinesen heute mehr Freiheiten und Wohlstand als je zuvor. Wer sich nicht öffentlich kritisch an der KP äußert oder in regierungsfeindlichen Organisationen ist, kann ziemlich frei leben und das ist ein gewaltiger Fortschritt für viele. Nach unseren Maßstäben leider immer noch ziemlich schwach.

Das Lügen bzw. listige an den Asiaten im allgemeinen, die sich ja durch Wirtschaftsspionage einen Namen gemacht haben, ist noch ein interessantes Thema. Ohne bewerten zu wollen find ich diese kulturellen Unterschiede echt Interessant. Im asiatischen gilt es als angesehen, wenn man listig ist und die listen bzw. wahren Absichten anderer durchschaut. Das schlechte Gewissen, welches wir uns immer einreden, ist eine rein christliche Erfindung. Im Christentum läuft alles auf Bestrafung (Schuld) durch Gott oder die Hölle hinaus. In China gilt hingegen eher Scham als Schuld: Ein ehrlicher Mensch müsse nicht immer die Wahrheit sagen, solange er reine Absichten habe. Die Rechtfertigung vor einer höheren Macht spielt keine Rolle, nur vor sich selbst. Man sagt nie, was man wirklich denkt und möchte…

Die Medien wurden früher für Propaganda benutzt heute werden sie immer noch komplett zensiert. Zitat Vaclav Havel: “Die Macht muß fälschen, weil sie in ihren eigenen Lügen gefangen ist.” Die Machthaber haben in China immer große Veränderungen zu verantworten, aber die KP wollte nie das politische System ändern… um Chaos zu vermeiden und Stabilität zu halten. Ja ne, is klar.

Ich werd mich in nächster Zeit dem Daoismus/Taoismus widmen. Nach den ersten Eindrücken würde ich sagen, das die Lehre möglicherweise ein hervorragender Ausgleich zum Kapitalismus sein kann. Ausserdem stützt er sich auf keine höheren Wesen oder heiligen Texte sondern basiert auf dem Einklang von Natur, Körper und Geist und basiert auf Yin und Yang, nicht Gut und Böse, usw. usf. Wir werden sehen.

Zum Abschluss noch ein Zitat von Helmut Schmidt: Ich möchte nicht wissen, wie viele junge Deutsche ihr Recht wählen zu gehen gegen ein neues Auto tauschen würden.

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