13
Jan 12

Albertina

Albertina


15
Nov 10

Hard to read – simple to keep

Connor Diemand-Yauman, Daniel Oppenheimer und Erikka Vaughan haben zwei Studien mit schwer zu lesenden Textarten durchgeführt. Die erste verlief in einem Testszenario und die zweite im normalen Lernumfeld der Princeton Universität. Die Doktoren und Professoren der Psychologie  haben jeweils eine Kontrollgruppe und mehrere Testgruppen mit Lernmaterial in unterschiedlichen Schriftarten versorgt.

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In den anschließenden Tests konnten die Gruppen mit schwerer zu lesenden Schriftarten (siehe Bild) als Arial 16pt (die als sehr einfach zu lesen gilt) bessere Ergebnisse erzielen. Der Unterschied war nicht phänomenal aber die Ergebnisse der Studie sind mit Sicherheit erwähnenswert. Wo in den letzten Jahren vermehrt Pillen zur kognitiven Leistungssteigerung in Mode kommen, halte ich solche einfachen Möglichkeiten für den nachhaltigeren Weg unserer Gesellschaft.

Der Grund für die gesteigerte Erinnerungsfähigkeit unseres Gehirns kommt daher, dass das Gehirn sich mehr anstrengen muss, um die Informationen aufzunehmen. Umso komplexer sich das Gehirn mit einem Thema oder einer einzelnen Aussage befassen muss, umso nachhaltiger wird sie “abgespeichert”. Davon hatte ich bereits bei John Medina (der mehrfach als Teacher of the Year ausgezeichnet wurde) in Brain Rules gelesen. Er greift das gleiche Argument nicht bei Textarten, sondern auf einem höheren Level auf: Wenn mehrere Sinne im selben Lernprozess einbezogen werden, ist die Verarbeitung für das Gehirn komplexer und somit nachhaltiger.

Die Studie wurde Ende Oktober in Cognition veröffentlicht, die BBC und The Economist haben Artikel dazu gebracht.

Wichtig für ein effektives Lernen und Erinnern ist vor allem auch eine größtmögliche Aufmerksamkeitsspanne, die dem Thema entgegengebracht werden sollte. Das wiederum ist nichts was erzwungen werden kann. Man kann zwar Ablenkungen minimieren aber die Aufmerksamkeit – oder anders die emotionale Beziehung zum Stoff, welche vielleicht auch vom Ziel abhängig ist, was man dadurch erreichen möchte und wie wichtig einem dieses ist – bewusst zu erhöhen ist nicht während des Lernens möglich, sondern eine zusätzliche Ablenkung. Die Motivation, die zur einfach Aufnahme führt, ist intrinsisch. Precht (Wer bin ich und wenn ja, wie viele) schreibt dazu, dass sein vierjähriger Sohn zwar verschiedenste Dinosaurier mit Namen und Eigenschaften auswendig kennt, aber immer noch Probleme hat, sein T-Shirt selbst anzuziehen.


16
Okt 10

Auszug aus meiner Hausarbeit

Zur Zeit Arbeite ich keine Themen für mein Blog auf, sondern bin mit einer Hausarbeit beschäftigt, von der ich hier einen Auszug veröffentliche. Die Aufgabe ist eine Zusammenfassung und Analyse des Buchs “Was bedeutet das alles?” von Thomas Nagel – eine einfach und knappe Einführung in die zentralen Fragen der Philosophie. Nagel lässt dabei jegliche Aufarbeitung und Darstellung der Diskussionen und vielseitigen Theorien zu den Fragen außen vor, sondern versucht nur, in Zehn Kapiteln die Problematik dieser Fragen in angemessener Tiefe deutlich zu machen. Meine Zusammenfassung, Kritik und Meinung bezieht sich auf Kapitel 6: Willensfreiheit.

Zusammenfassung
Das Kapitel Willensfreiheit versetzt den Leser zu Beginn in ein Selbstbedienungsrestaurant, wo jemand die Entscheidung zwischen einem Pfirsich und einer Schokoladentorte zum Dessert treffen muss. Retrospektiv behauptet die Person, die sich für die Torte entschieden hat, sie hätte sich der Figur zur Liebe lieber anders entscheiden sollen und das auch gekonnt. Anhand dieser Aussage fragt der Autor, was dies bedeutet – anders gekonnt zu haben – und ob es wahr ist. Er verdeutlicht kurz die Meinung, die dazu allgemeinhin verbreitet ist: Man hätte ohne Einschränkung die Chance gehabt anders zu handeln, um dann zu hinterfragen: War die Entscheidung tatsächlich offen und einzig und allein von der Person abhängig? Nagel versucht gar nicht diese komplexe Frage direkt zu beantworten, sondern führt den Leser in ihre Tiefe, indem er verschiedene Vergleiche zieht und die Frage in immer anderer Form aufbringt. Zuerst wird mit anderen Entscheidungssituationen verglichen und klar gemacht, wie die ursprüngliche Behauptung (anders wählen zu können) zu verstehen ist. Er schreibt: “Sie meinen, Sie hätten auch dann einen Pfirsich wählen können, wenn sich alles Übrige [...] genau gleich verhalten hätte” (S. 51). Als nächstes zieht er den Vergleich mit anderen Subjekten: Warum sollten unserer Meinung nach Personen frei entscheiden können, wenn Dinge oder vielleicht sogar Tiere nicht dazu fähig sind? Wieso denken wir diese weitreichende Freiheit für den Menschen als selbstverständlich? Drittens folgt der Vergleich mit scheinbar festgelegten Ereignissen, wie dem Sonnenaufgang. Hier wird keine offene Möglichkeit gedacht, sondern Abhängigkeiten beruhend auf Naturgesetzen. Also bleibt die Frage, warum dann für die obige Dessert-Wahl trotzdem eine “offene Möglichkeit” bestehen sollte. So bringt Nagel den Leser auf den ersten vier Seiten des Kapitels, durch immer neue Vergleiche, Erläuterungen und besonders Fragen sukzessiv auf das Level, auf dem die Fragestellung nach der Willensfreiheit und ihren Auswirkungen als grundlegend, komplex und problematisch begriffen wird.

Nach dieser gut vierseitigen Einführung geht Nagel dazu über, die Theorie des Determinismus zu beschreiben. Dieser wird als eingeschränkte Freiheit des Menschen erklärt, da alle Entscheidungen eines Individuums abhängig von sämtlichen Faktoren seiner Vorgeschichte seien, bis zu dem Zeitpunkt, einer aufgrund dieser Vorgeschichte unausweichlichen Handlung. So hängen alle Handlungen, von den ersten Zellen auf der Erde bis hin zu Ihrem lesen dieser Wörter, beruhend auf Gesetzen, die uns nicht bekannt sind, voneinander ab und sind genauso unausweichlich wie der morgige Sonnenaufgang – “wie frei wir uns auch immer fühlten” (S. 55). Dies führt Nagel zu der Frage, ob als Konsequenz des Determinismus die Menschen für ihre Handlungen nicht mehr verantwortlich gemacht werden können und den beiden Lagern, die dies nach wie vor als sinnvoll oder durch die Unausweichlichkeit als sinnlos betrachten – wie er selbst.

Nach dem zweiten Drittel des Kapitels beginnt der Autor den entgegengesetzten Fall der Unvorherbestimmtheit zu betrachten: Wenn die Faktoren, die der Determinismus zur Vorherbestimmung heranzieht (die Vorgeschichte, also Gene, Wünsche, Erfahrungen, Charakter, usw.), eben nicht der Grund für eine Handlung sein dürfen, ist sie dann grundlos? Wenn ich etwas grundlos tue, basierend worauf darf ich es dann als meine Tat bezeichnen? Nicht jeder, schreibt der Autor, will dies beantwortet wissen, sondern erkennt es als Freiheit des Menschen und als Grundbestandteil der Welt an. Andere finden darin, wie schon bei dem Determinismus, wieder das Problem der Handlungsverantwortlichkeit, die dem Menschen nicht auferlegt werden kann – diesmal nicht aufgrund der Vorherbestimmung, sondern aufgrund der Grundlosigkeit. So fragt Nagel: “Wie kann ich festlegen, was durch nichts festgelegt war?” (S. 59).

Die dritte und letzte Theorie, die in diesem Kapitel vorgestellt wird, nimmt der Willensfreiheit die Grundlosigkeit – durch die Faktoren des Determinismus. Indem die Faktoren – also jegliche Vorgeschichte bis zum bestimmten Zeitpunkt einer Handlung – nicht als determinierend, sondern als Ursachen betrachtet werden, aus denen die Handlung eines Individuums als eine bewusste Entscheidung hervorgeht. Ein Entscheidungsprozess führt begründet (nicht grundlos) zu dieser Tat und zwar durch das Individuum selbst (nicht durch unausweichliche Vorherbestimmung). Oder anders: Wenn es diese (persönliche) Begründung nicht gäbe, könnte die Tat nicht als eine eigene betrachtet werden, sondern käme ohne Grundlage aus dem Nichts, anstatt aus der begründeten menschlichen Handlungsfreiheit.

Auch diese entschärfte Version der Vorherbestimmung ist für Nagel nicht zufriedenstellend und liefert seiner Meinung nach keinen Grund für eine Handlungsverantwortlichkeit, sondern degradiert den Menschen zur Marionette seines Schicksals. Er selbst sieht sich allerdings außer Stande zu erkennen, wie eine Entscheidung als eigene begründet ist, “wenn sie durch nichts an oder in mir bestimmt wird” (S. 61) und beendet das Kapitel mit zwei Aufgaben, deren Lösung zur Wahrheit dieser vierten Möglichkeit führen sollen.

Kritik und Meinung
Das Kapitel überzeugt zu Beginn durch die Art und Weise, wie Nagel die Fragestellung vermittelt. Er zieht, wie in den ersten Kapiteln, auch hier ein leicht verständliches Beispiel zur Veranschaulichung heran, sieht sich aber dazu gezwungen, die Gedanken und damit das Verständnis des Lesers deutlich mehr in die gewünschte Richtung zu lenken (wie in Kapitel 5). Er gibt – wie überall in dem Buch – dem Leser zwar viele Fragen auf, zeigt aber auch genau, was mit den Fragen gemeint ist bzw. was der Leser mit bestimmten (ihm “vorgeschlagenen”) Aussagen selbst zu meinen glaubt. So wird oft ein und übergeleitet mit “sie meinen”, “damit meinen Sie”, “so meinen Sie”, “sie glauben” oder “wenn Sie sagen [...], bedeutet das”. Das alleine ist schon Indiz dafür, dass die Tragweite der Frage nach Willensfreiheit nicht gleich für jeden ersichtlich ist. Weiterhin fällt besonders in diesem Kapitel auf, dass viele Hypertaxen verwendet werden. Das gilt für das ganze Kapitel aber besonders bei der Beschreibung des Determinismus. Auch das weist auf die Komplexität der Frage und verlangt dem Leser gleichzeitig die notwendige volle Aufmerksamkeit ab, die für das Verständnis erforderlich ist. Da komplexe Gedankengänge und lange Satzstellung in der Philosophie üblich sind um sich exakt auszudrücken, sind diese stilistischen Mittel, die sich im Verlauf des Buchs mehr auszuprägen scheinen, durchaus positiv zu werten.

Betrachten wir das von Nagel gewählte Beispiel im Selbstbedienungsrestaurant, fällt allerdings auf, dass der Mensch dort nicht in der Lage ist eine uneingeschränkt freie Wahl zu treffen, weil Abhängigkeiten zur Natur bestehen. Der Insulinspiegel, das Hungergefühl und der Bedarf an bestimmten Nährstoffen sind biologische Reize, von denen sich niemand frei machen kann. So würde es eher der freien Wahl obliegen, ob jemand zum Beispiel sein Wohnzimmer in Gelb oder Grün streichen möchte. Das Selbstbedienungsrestaurant-Beispiel wäre gut, wenn aufgezeigt werden sollte, dass der Mensch eben nicht vollkommen frei ist – darauf geht der Autor aber richtigerweise nicht ein, weil es nicht Teil einer Einführung in die Philosophie wäre. Spinoza sprach dem Menschen ebenfalls keine uneingeschränkte, vollkommene Freiheit zu (diese hat ausschließlich die Substanz), sondern sprach von der “Knechtschaft der Affekte”. Die Affekte gilt es immer wieder zu erkennen und verstehen, um sich auf die Vernunft zu berufen. (Menschliche) Freiheit lag für ihn darin, frei nach der Leitung der Vernunft zu handeln indem sie selbst zu stärksten Affekt wird. Dabei fasst die Vernunft immer nur das Gute ins Auge: “Der freie Mensch handelt niemals arglistig, sondern stets aufrichtig” (Ethik, Buch IV). Dennoch wird das Kapitel durch das verwendete Beispiel insgesamt nicht schlechter für die gewählte Zielgruppe.

Als nächstes kann ich an dem Kriterium der Handlungsverantwortlichkeit, das Nagel zur Bedingung einer akzeptablen Lösung macht, zwei Ebenen der Verantwortlichkeit erkennen, die im Buch nicht angesprochen werden. Erstens eine nicht hinterfragbare direkte Verantwortung die mit der bestimmten Handlung verbunden ist. Ein Mensch muss für seine Taten verantwortlich sein, unabhängig davon, ob sie vorherbestimmt sind oder grundlos geschehen. Alle Taten treffen auf der Welt, in der Gemeinschaft der Menschen zusammen und dürfen in ihr nicht unverantwortet sein. Sie gehen aus einem bestimmten Individuum hervor und haben Konsequenzen, die weder an den Determinismus noch an die Willkür abgetreten werden können. Die erste Verantwortungsebene liegt also in der Tat selbst. Zweitens bleibt dann die Frage nach der Verantwortung für die Entscheidung zur Handlung an sich. Nur diese darf hinterfragt werden. Sie kann beim Menschen, in einer Vorbestimmung, als grundlos oder ganz anders gedacht werden. Es muss getrennt werden: Zuerst der geistliche Prozess und dann die reelle Handlung. Zweiteres ist wahr und die Verantwortung dafür ist, meiner Meinung nach, unbedingt zu bestimmen.

Ich persönlich glaube nicht an die Existenz eines umfassenden Determinismus, wenn ich auch die im Buch beschriebenen Faktoren (Gene, Neigungen, etc.), auf denen er beruht, anerkennen muss. Kein Mensch kann aus uneingeschränkt freiem Willen handeln und dabei diese Faktoren außer Acht lassen. Entscheidungsprozesse, Verhaltensweisen und Reaktionen unterliegen Komplexen biologischen Abhängigkeiten, über die sich kein Mensch hinwegsetzen kann, um vollkommene Freiheit zu erlangen. Um ein Beispiel zu nennen, ist der Mensch mit seinen Entscheidungsprozessen sehr stark sozial veranlagt. Es wird selten unabhängig vom sozialen Umfeld entschieden, sondern oft einbezogen und bedacht, wie andere sich in vergleichbaren Situationen verhalten haben oder würden. Und trotzdem erkenne ich diese Faktoren nur bis zu einer gewissen Grenze an, denn ich kann immer neue eigene Gedanken in einen Entscheidungsprozess einbringen, der, von mir als denkendem Individuum als weiterer Faktor, mit beeinflusst wird. Oder um es mit den Worten von Precht, aus seiner populärwissenschaftlichen Rundreise in der Philosophie, zu sagen: “Meine Gefühle haben gelernt, sich der Kontrolle meines Verstandes unterzuordnen”. (vgl. Wer bin ich und wenn ja, wie viele? S. 323)

Wenn ich Nagel treffen würde, könnte ich ihn fragen, ob ich unbewusst die von ihm erwähnten unbekannten Gesetze des Determinismus anwende, wenn ich versuche die heutige politische Gesinnung von ehemaligen Klassenkameraden zu erraten? Indem ich ihr damaliges soziales Umfeld (z.B. das Elternhaus) betrachte, mich an ihre Verhaltensweisen erinnere oder versuche sie einem Stereotyp zuzuordnen, könnte ich vermutlich eine passable Trefferquote erzielen. Nehmen wir ein anderes Beispiel: das Wetter beruht ebenfalls auf Gesetzmäßigkeiten. Könnte es aber deshalb von jetzt bis in alle Ewigkeit vorhergesagt werden, wenn wir die Mittel dazu hätten (Gesetzmäßigkeiten und Rechenkraft)? Nein, weil es nicht autark funktioniert: Verschiedene (Gesetzes)-Systeme wirken auf einander ein, wenn z.B. der Mensch durch die Zivilisation das Wetter und die Natur manipuliert. So kann ich auch keine Gesetzmäßigkeit erdenken, die alle menschlichen Handlungen determiniert, weil so ein System unabhängig sein müsste (z.B. von dem genannten Wetter); mit der einzigen Ausnahme, dass es als allumgreifend zu verstehen wäre – mit den menschlichen Handlungen im Kern oder vielleicht auch nur als Nebenprodukt einer einzigen vorherrschenden Gesetzmäßigkeit.

In dem Punkt, dass ich für mich keinen umfassenden Determinismus begreifen kann und möchte, stimme ich mit Nagel überein. Alle Entscheidungen, jede Handlung und damit auch jeder einzelne Gedanke wäre vorherbestimmt – wofür wäre dann meine Erfahrung dieses vorherbestimmten Lebens überhaupt noch notwendig? Würde es nicht auch ohne meine, in diesem Sinne ausschließlich passive und rezeptive, Sinneserfahrung identisch ablaufen können? Würde das auch bedeuten, dass wenn der Determinismus wahr ist, die offensichtliche menschliche Willkür und der Zufall ein System hat, also auf einem Gesetz (als Teil des Determinismus) beruht und damit in seinem eigentlichen Sinne gar nicht existiert? Und wenn der Determinismus ohne Endzweck ist und von niemand bestimmt wird, ist das Schicksal des einzelnen dann willkürlich (weil von niemand bestimmt) aber selbst (im Verlauf) ohne Willkür? Wenn ich keinen Willen und keinen Endzweck habe, hat der Determinismus dann einen? Mein Freiheitsdenken kann ich zwar mit den Faktoren des Determinismus vereinbaren, aber sie nicht als einzige Faktoren ansehen, nicht als allumgreifend und nicht als Gesetz. Dadurch bestimme ich mein Verhalten und Unterbewusstsein zwar nicht in jedem Augenblick, aber kann es langfristig durch Reflektion nach meinem freien Willen beeinflussen.


05
Sep 10

Eating Animals

Ich habe es noch nicht gelesen, aber ich denke, es ist eine Empfehlung wert: Jonathan Safran Foer – Eating Animals

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Englisch


04
Sep 10

Facebook: Eine kleine Kritik

Vor 3 Jahren habe ich meinen Freunden prophezeit, dass sie in einem Jahr Twitter und in zwei Jahren Friendfeed für sich entdecken werden. Aus ersterem ist bei den meisten zum Glück nichts geworden. Zweiteres – Friendfeed – war für mich damals das innovative Social-Network-Konzept schlechthin. Dort konnten die Nutzer jegliche ihrer Onlineaktivitäten in einem “Stream” aggregieren (YouTube Favoriten, neue Flickr Bilder, Links, Musik, Text usw.), alle Freunde konnten die Posts “liken” (im Sinne von “Gefällt mir” auf Facebook) und kommentieren. Obendrauf gab es wöchentliche Charts der beliebtesten Posts und auch Gruppen wo die Aktivitäten auf spezielle Themen gefiltert waren.

Meine Freunde haben jetzt zwar keinen Friendfeed Account, sie sind aber hellauf begeistert von der Funktionalität. Denn Facebook hat vor einem Jahr angefangen sie zu kopieren. Bezahlt hat Facebook dann später und Friendfeed für 50.000.000$ aufgekauft. Damit kam der Status-Stream, das Liken und Kommentieren von jeder Aktivität, integrieren von externen Links, und einbetten von Videos, Bildern usw. zu Facebook. Indirekt blieb es also dabei, das jetzt alle Friendfeed für sich entdeckt haben. Ich – und ich denke, einige andere aus meinem Freundeskreis auch – sehe das mittlerweile etwas skeptisch.

Ursprünglich nimmt man an Facebook teil, um die Aufgaben der Kommunikation zu vereinfachen, um auf effektive Weise “in Kontakt” zu bleiben, in einer sich auseinanderlebenden Welt. Aber man driftet von diesem einwandfreien Vorhaben schleichend ab und verfällt der anklickbaren Kommunikation, indem man nicht nur mit entfernten Menschen “in Kontakt bleibt”, sondern auch mit den Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung virtuell kommuniziert. Eine unbedingte Konsequenz. Facebook will es so. Der “Freundefinder” hilft gerne dabei immer mehr und immer unbedeutendere Kontakte zu knüpfen.

Facebook versucht mit allen Mitteln die Kommunikation für sich zu beanspruchen und verleitet die Nutzer dazu die angeblich “vereinfachte” virtuelle Kommunikation anderen Wegen vorzuziehen. Vereinfacht, weil eine Eingabebox und ein “Gefällt mir” Button nicht selbst antworten und nachfragen können. Die Kommunikation wird also indirekt, läuft nebenher oder kann pausiert und fortgesetzt werden ohne das sich Teilnehmer zeitlich oder räumlich abstimmen müssten. Dafür gab es bereits Lösungen, wenn auch bisher keine so bequeme. Aber Bequemlichkeit kam noch nie ohne Konsequenzen in unser Leben. Facebook ist dazu gezwungen die Kommunikation zu vereinfachen, weil es das Kommunikationsvolumen durch zahlreiche Faktoren (Indirektheit, Omnipräsenz, das Jeder sieht alles Prinzip, Werbung, Vorschläge, Gruppen, Fan Pages) vorher ins Unendliche steigert und selbst die Vereinfachung bzw. Verknappung in der Form von “Gefällt mir”-Buttons erzeugt wieder neue Kommunikation. Überall bekommt man Aufforderungen (Vorschläge für Freunde, Musik, Organisation, Kontaktmöglichkeiten) zu einem Mehr an Kommunikation.

Es ist ein Trugschluss, dass Facebook die Kommunikation vereinfacht. Facebook bläht sie auf, macht sie zu einer Dauererscheinung (was sie sowieso ist, aber nur räumlich begrenzt), leitet sie in fremde Streams, was sie wiederum politisiert und verkompliziert. Damit wird es zu einer zeitaufwendigen Disziplin in der Gesamtheit der Kommunikation. Durch das Prinzip, das über jede Aktivität des Nutzers weiteste Kreise informiert werden – nach dem Motto: Spread the word, no matter how meaningless -, wird man vollgedröhnt mit Nichtigkeiten zwischen denen die eigentlichen Gründe der Facebook-Mitgliedschaft (um “in Kontakt zu bleiben”) erst mal ausfindig gemacht werden müssen. So werden dem Nutzer Aktivitäten und Nachrichten zwischen entfernten Kontakten unaufgefordert unter die Nase gerieben – wegschauen ist unmöglich und driftet man doch mal an den Bildschirmrand ab, fordert der “Freundefinder” zu seinem Gebrauch auf. Ab und an entdeckt man tatsächlich etwas Interessantes und wird belohnt für eifriges Mitlesen von lauter Belanglosem: Ein gutes Lied oder ein Fotoalbum von einem entfernten Urlaubsort (an dem man vielleicht selbst schon war und jetzt auch der Freund dritten Grades). Nach dem Konsum dieser Informationsperlen, bleibt die selbstkritische Frage, ob man stattdessen nicht etwas Sinnvolleres hätte machen können. Denn obwohl man eigentlich zur effektiven Kommunikation mit seinen wichtigsten Freunden dort ist, konsumiert man unaufhaltsam Inhalte, die einem aufgegeben werden – und zwar größtenteils ohne jegliche aktive Kommunikation.

Hinter den einzelnen Einträgen, die die Mitglieder erzeugen, steckt keine Absicht die man verurteilen könnte. Jeder Macht tagtäglich schöne oder witzige Erfahrungen und will so viele Menschen wie möglich teilhaben lassen. Das ist normal und gut so aber durch Facebook bekommen unzählige Menschen eine penetrante Stimme die vorher stumm geschaltet war. Inwiefern ein gesehenes YouTube Video eine Erfahrung ist, die geteilt werden muss, ist relativ und fraglich. Es wird Konsum weitervermittelt. - Und das ist nicht mal eine Art von Konsum, der produktiv im wirtschaftlichen Sinne wäre sondern nur kontraproduktiv im zeitlichen Sinn. Nicht nur durch Freunde und Freundes-Freunde sondern auch durch Unternehmen wird kräftig von den Vermarktungsmöglichkeiten Gebrauch gemacht. Hinter der Intention von Mark Zuckerberg, Peter Thiel und den anderen Investoren von chinesischen Geschäftsleuten bis zu Microsoft, steckt letztendlich Profitgier.

Es gibt im Internet nicht nur massenhaft Seiten, die die “Top Ten Reasons to Quit Facebook” aufzeigen, sondern auch einige, die zehn Gründe propagieren, warum man Facebook keinesfalls verlassen darf. Um Sie zusammenzufassen: Man verliert seine Marketing Plattform – ob als Privatperson, Künstler oder Unternehmen. Die Effektivität bleibt bei Facebook für die meisten aber hinter anderen Möglichkeiten zurück. Facebook ist kein Ort um entdeckt zu werden, sondern nur ein Ort, wo sich zu Entdeckungen bekannt wird. Es dient dem Profilierungsdrang der Nutzer. Den Horizont erweitern und andere einbeziehen geht auch ohne Facebook. Meist sogar viel spannender, weil nicht virtuell, deshalb mit intensiveren Erlebnissen und Unterhaltungen verbunden und so auch einprägender (das Gehirn merkt sich Erfahrungen/Wissen leichter, umso komplexer die Verarbeitung ist und umso größer die Emotionen dabei sind).

Seine Produkte und kreativen Ergüsse – egal, ob man schreibt, fotografiert, dichtet, musiziert, querdenkt oder KitKat verkauft – werden nicht auf Facebook entdeckt oder gar lieb gewonnen, sondern auf anderen Wegen. Ein Artikel, ein Konzert, eine Ausstellung oder Lesung ist viel effektvoller. Wenn ein Produkt gut ist, funktioniert die Verbreitung auch ohne Facebook und wenn es nicht gut ist, gibt es auch mit Facebook kein Mehr an Konsumenten. Der Kreative investiert Zeit und Mühe, erntet aber nur digitale Blicke und Klicks ohne echten Effekt. Die wahren Fans folgen und verfolgen, womit sie sich identifizieren – egal wie -, die anderen “Fans” folgen auch auf Facebook nicht, bekennen sich höchstens im Sinne ihrer eigenen Profilierung. Für ein Unternehmen und die Künstler bleibt Facebook sekundär, ein Zusatz, aber kann nicht essentiell sein.

Eine kritische Masse für sein Vorhaben als Neueinsteiger über das Internet zu gewinnen ist nicht unmöglich, bleibt aber die Ausnahme. Für die persönliche Weiterentwicklung oder gar den Einstieg in sein Fach oder seine Branche ist es nur Irritation (z.B. als Fotograf). Ernsthafte Weiterentwicklung ist nicht möglich, auch wenn sich vereinzelt Chancen im Freundeskreis ergeben können. Anerkennung seiner Leistungen im eigenen sozialen Umfeld ist schnell gesichert, quasi inklusive und selbstverständlich; zwar wunderbar und hilfreich, aber nicht entscheidend. Es befriedigt persönliches Verlangen nach Anerkennung und Rückmeldung auf seine Werke. Leider unzureichend für ernste Vorhaben, dennoch genug, um nicht effektivere Wege zu gehen, ein Publikum zu erreichen. Facebook ist dann nicht nur sekundär, sondern Stagnation in Mittelmäßigkeit und Irrweg. Für die Privatperson fällt der Nutzen noch geringer aus. Es bleibt interessante Links, Zitate, Erlebnisse und seine Meinung zu verkünden.

Sich mitzuteilen bleibt Aufgabe der Kommunikation, ob mit oder ohne Facebook, aber der Umfang und die Konsequenzen die durch Facebook entstehen sind fragwürdig und relativ kontraproduktiv für den, der gerne produktiv(er) wär. Was schadet es, entdeckte Fundstücke nicht sofort für ein paar Likes in den Stream einzuspeisen, sondern später bei passender Gelegenheit im direkten Gespräch zum Besten zu geben. Oder sie gar ganz für sich zu behalten, um die Entdeckung in Ruhe zu genießen – frei von ständigem Mitteilungszwang. Und weiter, nicht nur zu entdecken, um des Mitteilens Willen. Selbstbeschränkung war schon immer ratsam, wo Bequemlichkeit durch fortschritt entsteht.

Denn was erntet man tatsächlich? Durch das Liken drückt jemand zwar Teilnahme aus, aber offensichtlich zu wenig, um einen sinnvollen Kommentar abzugeben und viele “Follower”, die tatsächlich ein Interesse verspüren, liken noch nicht mal sondern stalken nur ohne aktive Kommunikation. Dann gibt es die Follower, die einen zwar nicht tangieren, aber trotzdem gewillt sind einen Kommentar abzugeben. Natürlich gibt es immer noch die wirklichen Freunde (weshalb man ursprünglich zu Facebook kam), aber bei denen bleibt es nicht. Facebook will es nicht so. Und es wird nach Facebooks Regeln gespielt. Also endet alles in aufwendiger und mehr oder weniger gewollter Konversation, um die man sich gefälligst zu kümmern hat.

Aktiv wird man von der Plattform überall verfolgt:

  • Benachrichtigungs-E-Mails
  • Handy Apps
  • SMS (es gibt Verträge mit Mobilfunkanbietern in Afrika, um auch in den Handy-Nationen Facebook zu verbreiten)
  • am PC Zuhause sowie auf der Arbeit
  • Integration auf nahezu jeder erwähnenswerten Internetseite und mit allem was irgendwie “Social” sein möchte (Like-Buttons, Authentifizierung per Facebook Account)

Alles was vernetzt ist, wird von Facebook infiltriert. Facebook  beansprucht die Kommunikation. Dazu baut das Unternehmen eine umfangreiche Infrastruktur und durchzieht das ganze Internet mit seinen Buttons. Profit ist die Motivation.

Die Plattform hat eine Kultur des Vergnügens und Profilierens, so dass ernste Diskussionen kaum Chancen auf Erfolg haben, ohne verfrüht abgebrochen zu werden oder unterzugehen im progressiven Stream der ständig nach neuen Aktivitäten verlangt und alles Vergangene nach wenigen Stunden in den endlosen Tiefen von Facebook verschwinden lässt. Auf Friendfeed (das immer noch separat betrieben wird) entstehen immerhin noch gute und längere Diskussionen, was einerseits durch die erwachsenere Kultur  und qualitativ besserer Posts und andererseits durch eine Option, die dem Nutzer vergangene Diskussionen mit seiner Beteiligung auflistet, um sie weiterzuverfolgen, ermöglicht wird. Auf Facebook herrscht ganz offensichtlich und bewusst kollektive Zeitverschwendung a la Mafia Wars und Glückskekse. Man muss sich nicht daran beteiligen, aber der Kultur, die dadurch auf Facebook entstanden ist, entkommt man als Nutzer ebenso wenig. Facebook will es so. Des einen Konsum ist des anderen Profit.

Das alles gilt nicht nur für Facebook. Facebook steht für andere Social Networking Dienste als Platzhalter und Platzhirsch. Facebook ist Kern und Vorreiter der Entwicklung. Mark Zuckerberg denkt langfristig. Aktuelle Proteste gegen Facebook’s Privatsphäre-Politik sind die Aufmerksamkeit des Visionärs kaum wert. Er schreitet voran, Facebook Links und Buttons zu verbreiten und mit Sicherheit auch bald darüber hinaus. Er weiß, dass Soziale Netze mit der Gunst der Nutzer kommen und gehen. Deshalb positioniert Facebook sich nicht nur im eigenen Reich auf facebook.com, sondern baut überall Außenposten auf, um mehr Nutzer und mehr Kommunikation in das System zu holen. Unter dem Deckmantel von Social Networking wird Konsum vermittelt.

So erkennt Maryanne Wolf: “das Internet gibt mir das Gefühl, immer das nächste und nächste tun zu müssen. Und das setzt sich plötzlich auch im sonstigen Leben so fort. Das Netz ist das schwarze Loch unserer Gesellschaft, es verschlingt unsere Zeit.” Es gibt unendlich Möglichkeiten, unendlich Wissen, unendlich Spiele, unendlich Musik, unendlich Diskussionen – wir können jederzeit Teilnehmen. Die Möglichkeit zur Teilnahme ist gleichzeitig eine Aufforderung die uns anzieht und ablenkt. Die Welt wird zu einer Fundgrube, in der gebuddelt wird, nur um zu finden. Eine Armee von Sammlern gräbt sich durch YouTube, Foto-Blogs und Nachrichtenportalen, um ihre besten Exemplare im Social Network zur Schau zu stellen. Wer das dementieren möchte, muss sich die Frage stellen, warum bevorzugt neue und möglichst exotische Stücke den Weg in Facebook’s Stream finden? Trotz dieses Such- und Sammelwahns, schafft der einzelne es nie zu einer kompletten oder auch nur annähernd strukturierten Sammlung, denn der Stream verschlingt unendlich und wartet auf Nachschub. Er zeigt nur einen aktuellen Ausschnitt und versteckt den tatsächlichen Exzess in den tiefen von Facebook – nur für Facebooks Augen sichtbar. Aber wer wollte sich auch tatsächlich in vollem Umfang das Elend von sich immer wiederholenden Likes und kaum zu unterscheidenden Kommentaren vor Augen führen, mit denen sich immer wieder aufs Neue der Moment vertrieben wird. Wer in seinem Stream 50 mal auf “Älter” klickt und von oben nach unten scrollt, könnte leicht an kollektiven Realitätsverlust denken.

Ich möchte sie eigentlich überhaupt nicht teilen, aber mit Blick auf Facebook erscheint die arrogante Antwort von Jean-Jacques Sempé, auf die Frage, was die Menschen beschäftigen würde, nahe liegend: “die Langeweile”.

Für das soziale Tier Mensch ist es in unserer Überflussgesellschaft nicht weniger wichtig zu kommunizieren als zu essen, aber wie beim Essen muss auch bei der Kommunikation darauf geachtet werden, wie viel und was man sich wie schmecken lässt. In einem zweiten Teil, möchte ich dazu demnächst noch ein paar Ansichten loswerden…


20
Aug 10

Nachtrag zur Empathie

Als Nachtrag zum Beitrag vom Loveparade-Unglück und der relativ falsch verteilten Empathie ein kurzer Artikel der taz zum Hochwasser in Pakistan: Die Rangfolge der Empathie

Empathie sollte wertfrei sein und nicht von Staatsgrenzen beeinflusst. Mensch ist Mensch.


26
Jul 10

Loveparade-Unglück und Verzerrung der Medien

Die heuchlerische Anteilnahme der Medien und der Nation an den Toten des Loveparade-Unglücks, wiederstrebt mir aus zwei Gründen.

Erstens steckt dahinter die Sensationslust und der Voyeurismus von uns allen, der allgemein in den Medien und speziell in den Boulevardmedien bedient und ausgenutzt wird.

Zweitens wird es in den Medien leider wesentlich prominenter behandelt als viel grausamere Todesfälle die täglich und in beängstigender Anzahl passieren. Aber diese hätten viel dringender, um vielleicht zu einer besseren Welt zu führen, die Aufmerksamkeit der Bevölkerung verdient,  im Gegensatz zu Unfällen, die immer wieder passieren und im großen Stil die Titelseiten der Zeitungen füllen. Das Unglück wird als Verbrechen untersucht, die “Verantwortlichen” werden denunziert und alle der zwar unglücklichen aber zufälligen Ereignisse und Umstände, die dazu führten, sind bis ins kleinste breit getreten.

Heute ist das erste Drittel der Tagesthemen-Internetseite zum Thema “Loveparade-Katastrophe” gefüllt. Aber das Bradley Manning (wahrscheinlich) und Wikileaks ungeheure Arbeit leisten, um zu belegen, was in Afghanistan Tagesordnung ist (die Ermordung von unschuldigen Zivilisten unter dem Deckmantel unserer Sicherheit), taucht im unteren Drittel auf. Für mein Verständnis, steht das in einem falschen Verhältnis. Auch wenn ein paar Medien heute mehr Kompetenz bewiesen haben, fand ich das gleiche Schema in den privaten Unterhaltungen wieder.

Es darf und muss über das Unglück berichtet und getrauert werden, aber es kann für die Allgemeinheit doch letztendlich nicht höher bewertet werden, als die zahlreichen größeren Katastrophen und schrecklichen Situationen die Mitmenschen auf unserem Planeten betreffen. Die Empathie, die falsch verteilt ist, was durch die Medien nur repräsentativ (siehe erstens) wiedergegeben wird, wäre an anderer Stelle besser eingesetzt, um politisch Druck aufzubauen. Die Welt ist nicht, wie sie ist; wir bringen sie in jedem Moment neu hervor.


23
Jun 10

Happy Birthday

Meine Nikon hat heute ihren zweiten Geb. :)

nikon


19
Jun 10

Gerüchte von der Front

Man munkelt, mit der gescheiterten Top-Kill Aktion, bei der mit hohem Druck über zwei Tage lang bis zu 13.000 Liter Schlamm pro Minute in das Bohrloch geschossen wurden, ist das Steigrohr beschädigt worden. Wie tief die Stelle liegt, ist nicht genau bekannt. Falls das Zutrifft, tritt das Öl unterirdisch in den umliegenden Meeresboden.

Dabei muss man sich die Dimensionen des Problems klar machen: 1500 Meter unter der Wasseroberfläche beginnt das Rohr, mindestens weitere 300m tiefer ist es – wie sich andeutet – beschädigt. Dort tritt das Öl mit ungeheurem Druck aus und verteilt sich kilometerweit im felsigen und schlammigen Meeresboden, aus dem es sich dann unzählige Wege suchen wird, um in den Golf zu gelangen. Niemand wird das je unter Kontrolle bekommen.

Es sind angeblich noch 95%-97% des Öls in der Quelle – wobei ich nicht weiß, ob die 100% ursprünglich oder seit dem Unfall gerechnet werden. Aber in absoluten Zahlen: geschätzte 7.000.000.000 Liter.

Die Top-Kill Aktion wurde nicht ohne Gründe erfolglos abgebrochen, einer davon können die verursachten Schäden am Steigrohr sein. Und BP hat auch nicht grundlos angekündigt, das vor August nichts unter Kontrolle ist.

Müssten sie das Gerücht bestätigen, würden sie es nur langsam in vollem Umfang ans Tageslicht kommen lassen. Niemand hätte den Mut es direkt auszusprechen und offen zu kommunizieren. Erst recht nicht in der Ölindustrie, die grundsätzlich gegen jede Nachhaltigkeit und informierte Konsumenten ist. Bei diesen Krisenmanagern kann es nicht nur eine Befürchtung sein, dass uns das Schlimmste bisher vorenthalten wurde – so funktioniert deren Kommunikationskultur. Geheimhaltung ist ihnen aber auch nicht möglich – die Öffentlichkeit wird seit Wochen sukzessiv mit dem gesamten Ausmaß konfrontiert. In dieser Manier wird es auch noch weitergehen, wahrscheinlich über Jahre.

Wie gesagt, es wird bisher nur gemunkelt. Weshalb auch noch nichts in den Mainstream Medien zu lesen ist. So wie es aussieht, kann das aber nur eine Frage der Zeit sein.

Auf der deutschen Wikipedia Seite gibt es bereits einen Abschnitt dazu.

Auf diesem Blog sind die andeutenden Statements und Interviews zusammengefasst.

Update: Die Methode, die jetzt genommen wird heißt Bottom-Kill, wobei neben der eigentlichen (fast 6000m tiefen) Bohrung weitere Bohrungen auf gut 5000m durchgeführt werden, über die dann das Steigrohr seitlich angebohrt wird, um hier direkt den versiegelnden Schlamm reinzudrücken. Dadurch wären theoretisch auch höher liegende Beschädigungen außer Kraft gesetzt. Fraglich ist, wie lange es dauert, dass 18cm breite Rohr in 4500m Tiefe zu treffen und wie viel Öl bis dahin im Meeresboden steckt. Wenn es fehlschlägt, bringt die Methode möglicherweise ein zweites Leck. So wie es aussieht, sind aber alle anderen Lösungsvorschläge (Absaugen, Top-Hat, Top-Kill)  bereits gescheitert.


19
Jun 10

Kruder & Dorfmeister