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Feb 12

Schulwettbewerb Perspektivwechsel: Brief aus Tibet

Die Gestaltung und das Thema der Arbeiten für diesen Wettbewerb waren frei wählbar, von basteln bis texten war alles möglich. Ich dachte erst daran fernöstliche Philosophien mit den alltäglichen Lebensweisen der Menschen dort in Verbindung zu bringen. Habe mich dann aber relativ schnell auf den Buddhismus beschränkt, weil es sonst zu umfangreich geworden wäre und außerdem, wegen den zahlreichen Selbstverbrennungen in Tibet in den letzten Monaten . Dummerweise hat am Schluss der Platz nicht mehr für den politischen Teil gereicht, aber wie so oft verschiebt sich der Fokus einer Idee während der Umsetzung gerne mal.

Zum Beitrag:

Die Arbeit ist ein fiktiver Brief eines buddhistischen Mönchs an einen deutschen Firmling, der kurz vor seiner Initiation Zweifel an der katholischen Religion bekommt. Der Mönch versucht in dem Brief, die buddhistische Religion und Lebensweise zu erklären. Er benutzt dabei die menschliche und respektvolle Sprache, mit der auch der 14. Dalai Lama im Westen sein Bild und das der Buddhisten geprägt hat. Die Autorenperspektive ist in einen buddhistischen Mönch verlagert und im Laufe des Briefes werden verschiedene Berührungspunkte der östlichen und westlichen Kulturen, sowie deren Repräsentanten in Religion und Philosophie, aufgearbeitet.

Brief aus Tibet

Hallo Pius,

der Abt unseres Klosters hat mir angeboten, deinen Brief zu beantworten. Angeboten deshalb, weil wir Mönche eine Gruppe freier Individuen sind und einander nicht unter- oder übergeordnet. Ich möchte gerne versuchen, dir eine genauere Vorstellung unserer Religion zu vermitteln. Unser Kloster Drepung, das eine kurze Busfahrt von Lhasa’s Stadtzentrum entfernt, am Fuß des Berges Gambo Utse, liegt, ist Teil der Gelug-Schule. Das ist wichtig, denn es gibt im Buddhismus zahlreiche Richtungen oder Schulen, wie wir sagen. Aber dazu gleich mehr.

Wir alle werden mehr oder weniger verbindlich in die Religion unserer Heimatregion oder zumindest unserer Eltern hineingeboren. Das betrifft nicht nur die Religion, sondern auch kulturelle Bräuche, politische Systeme und soziale Umstände. Es fühlt sich für viele wie eine üble Zwangsmitgliedschaft an, bei dem die eigenen Lebensumstände und Ansichten von einem Zufall diktiert wurden. Zweifel an der eigenen Religion sind also keine Seltenheit, und jeder wird sich im Laufe seines Lebens die Frage stellen, ob er für die Entscheidung, die anfangs gefallen ist, auch in Zukunft einstehen kann. Deshalb ist es ein gutes Zeichen, wenn man das Schicksal schon früh überprüft. Wir respektieren alle Wesen, genauso wie deren Religionen und sind der Meinung, dass jeder nur sein passendes Gegenstück finden muss.

Vor 2500 Jahren, als sich die Kulturen und Religionen noch voneinander isoliert entwickelten, lehrte Buddha – der Erleuchtete – in Nordindien seine Erkenntnisse vom Heilspfad. Seine ersten Schüler gaben die Lehren mündlich weiter. Nach 100 Jahren kam es zu ersten Niederschriften und dabei zu Uneinigkeit über die Vorschriften, die für buddhistische Mönche in ihrer Lebensweise gelten sollten. Die Glaubensgemeinschaft teilte sich in die alte (Hinayana) und die neue Schule (Mahayana). Daraufhin entwickelten sich in den folgenden Jahrhunderten viele weitere Ableger. Die alte, konservative Schule des Hinayana – der Theravada – ist in den südlichen Ländern Asiens von Indien bis Vietnam verbreitet. Die zahlreichen Schulen des Mahayana-Buddhismus werden in China, Japan und Korea praktiziert. Und der im achten Jahrhundert ebenfalls aus dem Mahayana hervorgegangene Vajrayāna wird bei uns in Tibet praktiziert. In den wesentlichen Punkten Buddhas Lehre stimmen alle überein – unterschiedlich festgelegt wurde aber das Klosterleben der Mönche und der Mahayana führte das Konzept des Bodhisattva ein, zu dem wir noch kommen.

Abgesehen von vereinzelten Kontakten ist der Buddhismus im Westen erst im letzten Jahrhundert zum Begriff geworden. Der Österreicher Heinrich Harrer, der sich in den Wirren des zweiten Weltkrieges vom britischen Indien nach Japan durchschlagen wollte, fand in Lhasa Zuflucht. Der Fremde wurde dort zum Freund des Dalai Lama. Er fotografierte und übersetzte an dessen Hof. Nach seiner Rückkehr nach Europa schrieb er über seine Erlebnisse den weltweiten Bestseller „Sieben Jahre in Tibet“. Durch diesen Welterfolg wurde unsere Religion, Lebensweise und unser Schicksal unter der chinesischen Invasion im Westen bekannt. Der Dalai Lama konnte durch Harrers kulturellen Brückenschlag später unsere buddhistischen Lehren dem Westen bekannt und verständlich machen. Daraufhin gewann besonders der Vajrayāna – genau wie Tibet und der Dalai Lama selbst – im Westen an Popularität. Im Gegenzug gewannen aber auch wir eine Vorstellung von dem Lebensstil in den Industriestaaten.

Ich weiß nicht, ob es auf dich zutrifft, aber die meisten Menschen des Westens hören zuerst von einem ganz besonderen Aspekt unserer Religion: Wir Buddhisten glauben an den ewigen Kreislauf des Lebens, also an die Wiedergeburt als unterschiedliche Wesen. Deshalb wirkt der Buddhismus auf viele, die nicht weiter mit unseren Ansichten vertraut sind, im ersten Moment sehr sympathisch. Das liegt daran, dass die Menschen unbedingt an ihrem Leben festhalten wollen und Hoffnung über den Tod hinaus suchen. Betrachtet man den Buddhismus dann näher, werden diese Hoffnungen leider enttäuscht. Es stimmt zwar, dass Buddha den ewigen Kreislauf des Lebens gelehrt hat (wir nennen ihn Samsara), aber das Festhalten an diesem Leben, an jeder Existenz im konventionellen Sinne ist für Buddhisten eine der unheilsamen Verwirrungen des Geistes. Den Kern Buddhas Lehre bilden die vier edlen Wahrheiten vom Leid, dessen Ursprung, dessen Beendigung und dem Weg dieser Beendigung.

Was meint Buddha mit dem Leid? Es ist das Leid, das alle Wesen betrifft, alles Sein. Diese umfassende Leiderfahrung hat verschiedene Aspekte. Der erste ist der erwähnte Kreislauf des Lebens – Samsara – von Geburt und Tod, Entstehen und Vergehen. Auf dem Weg vom Anfang zum Ende erfahren wir Krankheiten und Alterung, die eine chronische Steigerung des Leids verursachen. Zu dieser absoluten Anhäufung des Leids kommt die Relativität des Glücks, die uns als das Leid der Veränderung bekannt ist. Denn Glück summiert sich nicht zu solchen Größen wie das Leid, es ist in ständigem Wandel: Was uns heute Freude macht, sei es Reichtum, eine erfüllende Arbeit, Ruhm oder auch Freundschaften, kann uns morgen schon langweilen oder Sorgen bereiten. Leidenschaft wird schlimmstenfalls zu Hass oder Gewalt. In den Fesseln der ständigen Veränderung ist wahrhaftes, uneingeschränktes Glück unerreichbar. Das scheinbar Erstrebenswerte wird für alle Lebewesen so zum Zuckerbrot des Jammers.

Buddha erkannte einen weiteren, tiefgründigen Aspekt des allgegenwärtigen Leids: Das Leid des Bedingtseins. Es ist nicht ganz leicht zu verstehen, was damit gemeint ist, denn es hängt mit einer anderen, wichtigen buddhistischen Lehre zusammen, und zwar die vom Nicht-Selbst: es heißt Anātman im Gegensatz zu Ātman, dem Selbst. Diese Auffassung könntest du vergleichend als einen Gegensatz zu dem christlichen Begriff einer Seele verstehen. Buddhisten glauben an keine innewohnende immaterielle Identität eines Wesens. Wo sich Christen auf ihre unveränderlich, beständige Seele berufen, die selbst den Körper überdauert, halten wir es für eine Voraussetzung der Erlösung aus dem Samsara uns von diesem „Ich“ nicht zu einer leidvollen Existenz verlocken zu lassen. Ansichsein ist eine irreführende Vorstellung von der wahren Beschaffenheit der Wirklichkeit. Wenn du den Menschen genauer betrachtest, wird klar, dass er eine Zusammensetzung ist: Aus den fünf Skandhas – den Daseinsfaktoren: den Emotionen, der Wahrnehmung, den Geistesformationen, dem Bewusstsein und den Sinnesorganen. Und weiter betrachtet, wird deutlich, dass sich diese Faktoren wieder aus Teilen zusammensetzen. Jede Sinnesfähigkeiten besteht jeweils aus drei Faktoren: zum Beispiel aus dem visuellen Objekt, dem Auge und dem visuellen Bewusstsein. Die Analyse kann nach anderen materiellen und immateriellen Kategorien fortgeführt werden, aber es wird bereits deutlich, dass der Mensch und die Seele im Zusammenfinden vieler Faktoren entstehen. Das ist der Grund, warum für Buddhisten die menschliche Lebensform eine von außen bedingte ist: Wir werden in die Welt geführt indem viele Faktoren zusammentreffen, und Faktoren sind es, durch die uns das Leben gelassen und genommen wird. Die Zeitlichkeit ist die Macht, die uns unterstellt. Neben jeder Geburt steht murmelnd der Tod und füllt seinen Sand ins nächste Stundenglas: „Memento mori“. Was es bedeutet, wollen wir nicht wahr haben. Aber Entstehen im Samsara ist nach buddhistischer Lehre ein Leid, weil wir die Kontrolle über unsere Existenz dafür einbüßen. Unsere Existenz ist Fremdbeherrscht. Denn gäbe es Ansichsein, dann gäbe es gar kein Leid, weil Ansichsein bedeutet, zu sein, was man ist – frei von anderen Zuständen, leidvollen Zuständen, als ein pures Selbst ohne Faktoren.

Hat man davon einmal ein wirklich tiefes Verständnis erlangt, fügt es sich in einen größeren Zusammenhang: Aus zahlreichen Faktoren setzt sich alles Sein zusammen, im Entstehen halten die Faktoren ihren ursächlichen Einzug, dieses ständige Entstehen ist bedingt durch unsere Unwissenheit um seine eigentliche Natur und diese Unwissenheit ist der Grund unseres Eintritts in den leidvollen Kreislauf. Dabei war es eigentlich wahrhaftes Glück, was alle Lebewesen aus innerer Überzeugung suchen. Deshalb soll im Buddhismus jene Unwissenheit durch Meditation in Erkenntnis und Befreiung gewandelt werden die zur wahren Natur des Glücks führt. Die drei Formen des Leids sind also a) die Bedingtheit unseres scheinbaren Selbst und damit unserer Existenz, die ein Nicht-Selbst ist. b) Das Leid der ständigen Veränderung und c) Das Leid des Kreislaufs von Geburt, Krankheit, Altern und Tod. Bevor ich dich mit der Möglichkeit einer Befreiung vertraut mache, solltest du noch zwei weitere wichtige Grundlagen des Buddhismus kennenlernen: Bedingtes Entstehen und Karma.

Jede Religion hat ihre Philosophen und der Buddhismus ist ganz besonders durch die großen Meister geprägt, die die Lehren des Buddha durch ihre Meditationen und Schriften bereichert haben. Die verschiedenen Schulen sind aus diesen Meistern hervorgegangen. Einer von jenen Meistern ist Nāgārjuna. Er lebte im zweiten Jahrhundert und legte den Ursprung für die Mahayana- und damit Vajrayāna-Schule. Der deutsche Philosoph Karl Jaspers nahm ihn in sein Kompendium der Großen Philosophen auf.

Nach Nāgārjuna hat das bedingte Entstehen drei Bedeutungsebenen: die fehlende Identität (wie eben beschrieben), dann eine kausale Abhängigkeit und drittens bedeutet es, dass das Ganze aus Teilen besteht und wiederum die Teile für sich ohne das Ganze dennoch nichts sind. Daraus ereilt uns eine schwer zu verstehende Konsequenz: Alles Sein ist und ist doch nicht. Nāgārjuna spricht von der Leerheit (Shunyata) der natürlichen Phänomene: Sie sind leer, weil sie von sich selbst aus nichts weiter sind als die Koinzidenz der Faktoren. Eben habe ich bereits die immanente Identität erwähnt – sie fehlt diesen Objekten und genau dieses Fehlen bezeichnet die Leerheit: Sie sind quasi nur eine Hülle, eine Äußerlichkeit, ein Schein. Dennoch glauben Menschen, in allen Dingen eine Identität zu erblicken – dieser Irrtum ist ein Teil des Leids – eine Verblendung die den Weg zur Erlösung versperrt. Buddha hat das Sein nicht verneint, um damit Nichtsein zu postulieren. Nāgārjuna beschreitet den „mittleren Weg“, zwischen diesen beiden Daseinsformen. Die Phänomene sind, aber Sein kommt ihnen nicht zu: Das Etwas und das Nichts – beides wird verneint, um die Erkenntnis der Leerheit zu gewinnen. Die Wirklichkeit der Erscheinungen entsteht in der Synthese mit der subjektiven Wahrnehmung, die den unzähligen Zusammentreffen der Faktoren Identität stiftet. Das „Ding an sich“ des Königsberger Philosophen Immanuel Kant heißt bei Nāgārjuna Shunyata: Was wir sehen ist eine Wirklichkeit aus der Synthese der äußeren Faktoren und der subjektiven Wahrnehmung jedes Wesens. Wir können die Leerheit nicht direkt erkennen, dennoch müssen wir verstehen, dass Identität kein ursprüngliches Attribut der Phänomene ist, sondern durch das Subjekt substituiert. Das ist zwischen den beiden großen Philosophen eine winzige Schnittmenge: Wo wir glauben die Dinge fälschlicherweise mit Identität zu versehen, wird ihnen in Kants Philosophie durch die Wahrnehmung die Gesetzmäßigkeit der Natur angehaftet, die ihnen an sich nicht zukommt. Bei beiden wird synthetisiert und addiert. Aber Kants Form der Wahrnehmung ist für ihn kein Irrtum, sondern die einzig mögliche. Für uns hingegen ist sie ein Leid, weil wir aufgrund der Welt, die wir missverstehen, zu leidvollen Handlungen und Emotionen gedrängt werden – eben aufgrund dieses Missverständnisses. Wenn du dieses grundliegende Muster wahrhaft verstehst, siehst du das abhängige Entstehen, die Leerheit, die Bedingtheit der Existenzen und die kausale Notwendigkeit ihrer oft negativen Handlungen und Emotionen – dann siehst du das Leid, das Entstehen und Vergehen und den Heilspfad des Buddha zu umfassender Erkenntnis.

Wie du siehst, ist der Buddhismus als Religion sehr stark von Philosophie geprägt und das buddhistische Leben ist eine Art philosophisches Leben. Auch die Kausalität, die ein Teil des Entstehens bedingter Existenzen ist, unterziehen wir Buddhisten einer tiefen Analyse. Wir kennen noch eine andere Art von Ursache und Wirkung, als jene, die gemeinhin der Physik zu Grunde gelegt wird: Das Karma-Gesetz. Es bezieht sich auf die Handlungen der Wesen und ist ein leicht nachvollziehbares Kausalitätsprinzip, weshalb das Wort Karma bereits in viele Sprachen übernommen wurde. Wir meinen damit nicht nur die Taten selbst, sondern auch Hintergedanken und Motivationen – es umfasst körperliche, verbale und auch mentale Willensäußerungen. Karmische Vorgänge benötigen also immer ein handelndes oder wollendes Subjekt. Dessen zahlreiche Handlungen teilen wir ein in Heilsame, Unheilsame oder Neutrale. Sie haben dann, nach buddhistischer Auffassung, entsprechend negative, positive oder ausgewogene Resultate – sie führen also zu Leid, Freude und Glück oder Gleichmut. Man kann also sagen, alle unsere Absichten und Handlungen erzeugen eine Bilanz, die sich nach dem Karma-Gesetz in unseren zukünftigen Erfahrungen manifestieren. Das kann in naher oder ferner Zukunft geschehen: Bei der nächsten Geburt (höhe der Lebensform) oder in den folgenden Leben.

Nun kann jeder seine Handlungen nicht immer beeinflussen, weil man manchmal zu bestimmten Verhaltensweisen gezwungen ist, oder jemand kann seine Taten später bereuen. Das Karma-Gesetz berücksichtigt diese Umstände, doch nur, wenn man tatsächlich einen überzeugten Willen äußert, denn Reue kann nicht vorgetäuscht werden. Was sind nun diese unheilsamen und heilsamen Handlungen? In den buddhistischen Schriften sind sie an zahlreichen Stellen in unterschiedlicher Komplexität beschrieben worden. Zum einen wird von den unheilsamen Wurzelemotionen oder -verblendungen gesprochen: Gier, Hass und Verblendung. Heilsam dagegen wirkt das Ablegen dieser Emotionen durch Großzügigkeit, Güte und Weisheit. Wichtig sind auch die zehn unheilsamen Handlungen: Töten, Stehlen, sexuelles Fehlverhalten; Lügen, entzweiende Rede, harte Rede und sinnloses Geschwätz; Begierde, schädliche Gedanken und Absichten sowie Festhalten an falschen Ansichten. Wie du siehst, setzt der Buddhismus eine gesittete Lebensführung voraus, um das Dharma (so nennen wir die Lehre Buddhas) zu befolgen und den Weg zur Erlösung zu beschreiten. Körper und Geist müssen dazu in Meditationen geschult werden. Der Geist soll sein kindisches Festhalten an den Verblendungen, an den leeren Phänomenen und den daraus resultierenden negativen Emotionen ablegen – er muss lernen, sich loszulösen in einen Zustand des Gleichmuts, um die Wahrheit der Natur der Wirklichkeit erkennen zu können. Jeder Praktizierende sollte ein Verständnis davon haben, dass die Ursache seines Leids in ihm selbst liegt: Die Verblendungen und unvernünftigen Emotionen sind bedingt von der Unwissenheit über die Beschaffenheit der Wirklichkeit, denn tatsächlich sind die Verblendungen grundlos, weil sie auf irreführenden, leeren Erscheinungen beruhen.

Die Mönche in Drepung und jedem anderen Kloster folgen deshalb zahlreichen Regeln. Sie sind im Vinayapitaka (einer unserer Schriften) festgelegt, können allerdings von Kloster zu Kloster variieren. Ziel ist grundsätzlich ein Leben in Askese, um aufkommende Begierden zu meiden und uns von falschen Vorstellungen des Geistes zu lösen. Dazu essen wir nur vormittags und verzichten dabei auf Butter, Milch, Süßigkeiten und viele andere Speisen, wir besitzen und benutzen möglichst wenige Dinge, Gold und Silber dürfen wir nicht berühren, wir sind ständig achtsam gegenüber anderen Wesen und meditieren mehrmals täglich. Indem wir Sutras rezitieren – einzelne Abschnitte der Lehrreden – verfestigen wir Buddhas Lektionen. Die buddhistische Gemeinschaft, der Sangha, ist uns äußerst wichtig, um uns gemeinsam von äußeren Ablenkungen fernzuhalten und gegenseitige Lehrer und Schüler zu sein. Bei der Bevölkerung haben unsere Klöster ein hohes Ansehen und wir praktizieren zu bestimmten Zeiten mit den Laienbuddhisten, die zwar in keinem Kloster leben, aber trotzdem nach dem Dharma leben möchten. Wir werden respektiert und mit Lebensmitteln von den Menschen unterstützt. Wir bedanken uns für die gegenseitigen Gaben nicht, denn wir handeln im Sinne des Karmas und dankbar ist derjenige, der eine gute Tat vollbringen kann. So ist der Buddhismus für die gesamte Bevölkerung eine Bereicherung und sorgt für ein respektvolles und mildes Miteinander.

Der Mahayana Buddhismus, zu dem der tibetische gehört hat diesen tiefen Respekt gegenüber allen Lebewesen auf eine ganz besondere Weise in den Heilspfad integriert: Was wir Bodhisattva nennen, bedeutet nicht nur die persönliche Befreiung anzustreben, sondern auch und zwar primär die Befreiung aller Lebewesen. Deshalb gibt es Reinkarnationen zahlreicher buddhistischer Meister wie die des Dalai Lama, die freiwillig in den Samsara zurückkehren. Bodhisattva ist geprägt von einem tiefen Mitleid für alle Lebewesen und dem Streben danach, ihnen den Heilspfad zu zeigen. Altruistische Taten spielen also eine große Rolle für Buddhisten. Diese Empathie – das gilt auch für alle anderen Elemente der Dharma-Praxis – wird getragen von einer tiefen Überzeugung des Individuums. Mönche schulen sich in dieser Lebenspraxis und tatsächlich haben Forscher wie Antoine Lutz von der University of Wisconsin-Madison in modernen Versuchen gezeigt, dass buddhistische Mönche ausgeprägtere Gehirnaktivitäten haben, wenn sie Mitleid fühlen, als andere Menschen. Empathie ist den Menschen also nicht nur angeboren, sondern kann auch weiterentwickelt werden. Es zeigt uns, dass gerade die menschliche Existenz sich besonders dafür eignet, alle Stufen des Leids zu überwinden: Durch Intelligenz, Reflektion und die Fähigkeit langfristig Ziele zu verfolgen, können wir, wie keine anderen Wesen, unseren Geist und unsere Emotionen schulen, das Leid zu überwinden und unsere Unwissenheit abzulegen. Tatsächlich ist meditieren ein sehr aktiver Prozess, der viel Übung und Aufmerksamkeit erfordert. Wie beim Erlernen einer neuen Sportart oder Bewegung, werden die Bewegungen nach und nach verfeinert und im prozeduralen Gedächtnis gespeichert, nur dass es nicht um äußere, motorische Fertigkeiten geht, sondern um die Schulung des mentalen Fingerspitzengefühls: Wann fühle ich welche Emotion, wie wird Mitleid am aufrichtigsten und dauerhaft ein Teil meines Wesens? Nach langer Übung erlangt man eine permanente, bessere Kontrolle über sein geistiges Wesen durch reine Gewahrsamkeit. Wir nennen das auch „Meditation ohne meditieren“.

Um den Pfad zur Beendigung des Leids zu beschreiten, steht am Beginn für jedes Wesen ein intellektuelles Verständnis der Grundlagen Buddhas Lehre, von denen ich in diesem Brief einen ersten Eindruck vermittelt habe. Es ist ein Teil dessen, was wir Pfad der Ansammlung nennen und als den Anfang des buddhistischen Weges betrachten. Er ist mit den Worten des Dalai Lama die Entwicklung „eines ehrlichen Streben [und] aufrichtigen Wunsch, Befreiung zu erlangen“. Darunter verstehen wir auch eine Wertschätzung der drei Juwelen: Buddha, Dharma und Sangha. Sangha, die buddhistische Gemeinschaft, bezieht sich nicht nur auf Mönche, sondern auf alle Praktizierenden sowie Laiengläubigen. Die Zufluchtnahme zu jeder dieser drei Fixpunkte unserer Religion ist ein entscheidender Teil der erfolgreichen Ausübung, denn nur durch gegenseitige Unterstützung und Lehre können wir alle Wesen im Sinne des Bodhisattvas zu Erlösung bringen. Im weiteren Verlauf geht es um höheres Verständnis und Praxis von Ethik, Meditation sowie Ansammlung von Weisheit. Für jeden ist es wichtig zu verstehen, dass die Entwicklung auf dem Heilspfad einhergeht mit persönlicher Reflektion und allmählicher Vertiefung der Erkenntnis der Leerheit. Die Vervollkommnung ist erreicht, wenn alle Lehren des Dharma verinnerlicht und Geist und Körper so weit geschult sind, dass ihre Anwendung auf die Natur der Wirklichkeit intuitiv geschieht. In der Meditation versuchen wir die Energie für diese Befreiung zu sammeln, die wir im Alltag im Umgang mit anderen Wesen durch ausgeglichenes und weises Verhalten versuchen anzuwenden. Wer die Vervollkommnung erreicht und das Festhalten an seinem Selbst, seiner Existenz und dem Samsara als Ganzem aufgibt, der geht ein ins Nirwana. Es ist das letzte der vier Siegel, die unsere Religion für Außenstehende so schwer verständlich machen: Alles ist dem Wandel unterworfen und vergänglich, alles ist dem Leid unterworfen, alles entsteht in Abhängigkeit und ist ohne Selbst und eben das Nirwana, der Ort des Erwachens und Zustand des endgültigen Glücks. Obwohl wir in Anlehnung an Nāgārjuna die Leerheit aller natürliche Phänomene lehren, handelt es sich dabei um keine nihilistische Ansicht, auch das Nirwana ist kein Zustand der alles verneint: Wir begeben uns zwar in Weltflucht, aber der Kern unserer Religion ist nicht auf die Verneinung der Welt gestützt, sondern auf den wahrhaftig erreichbaren Zustands von uneingeschränktem Glück. Wir sind ein Nicht-Selbst und wollen diesem Nicht entkommen. Der Ausgang aus dem Nichts ist die Erkenntnis vom Nichts, ist die Loslösung vom Nichts, ist das Nirwana. Es gibt solche Momente des klaren Sehens, in denen die Komplexität des Lebens scheinbar auf eine banale Formel zusammenschrumpft. Im nächsten Augenblick sind sie wieder verloren. Diese Momente der Klarheit sind es, die unsere Erkenntnis erweitern und die jeder Buddhist zu einem instinktiven Reflex werden lassen muss. Aber bis jemand selbst erkennt, muss er vertrauen, denn die unaussprechliche Allerkenntnis „erwacht plötzlich zur unübertroffenen vollkommenen Erleuchtung“, wie es im Herz-Sutra heißt. Der Gedanke, die Erleuchtung wird nicht denkend gesucht – wer seinen Geist schult, der soll nicht denken, sondern nichtdenken. Die Erwartung und Suche verblendet. Man muss schauen, ja: wegschauen, in Ruhe vertieft, aber nicht glauben, man könne aktiv sehen. Die Erkenntnis ist Nichtdenken, Nichtanhaften.

Vielleicht hast du schon mal von dem deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer gehört. Er gründet sein Weltverständnis auf die gleichen Momente des klaren Sehens, wenn er versucht die „Duplizität des Bewusstseins“ zu begreifen. Seine Momente des Durchblicks fand er einsam auf Gipfelwanderungen, von wo aus er „die Welt im Chaos unter sich“ sah. Das „bessere Bewusstsein“, wie er es nannte, ist dieser Einfall des klaren Nichtdenkens in den Geist, das ich versuche zu beschreiben. Im Sehen verschwindet die Welt, verschwindest du selbst sowie Raum und Zeit, Entstehen, Vergehen und Leid – alles ist eins, alles ist Glück und Zufriedenheit. Fällst du zurück ins Jetzt, zurück in die Zeitlichkeit und Bedingtheit, zurück ins Ich, dass ein Nicht-Ich ist, ist der Moment zerronnen, die Erkenntnis eine Erinnerung aus schwachen Konturen, ohne flammende Klarheit; und die Kausalität, die Unfreiheit, Emotionen und Leid haben dich wieder in ihre Fesseln genommen. Oder wie der Buddhist Matthieu Ricard versuchte die Ursache dieser magischen Momente zu umschreiben: “wegen der Befriedung der inneren Konflikte, wegen des Gefühls der Verbundenheit mit allem, wegen der nicht in Einzelteile aufgespaltenen Wirklichkeit, wegen der vorübergehenden Abwesenheit von Geistesgiften wie Aggression oder Zwanghaftigkeit” – es sind unsere mentalen Konstrukte die uns vom wahren dauerhaften Glück trennen. Schopenhauer suchte aber woanders nach der Ursache: Sein Grund des Davondenkens ist nicht das Leid, sondern der Wille, den er in jedem Ding als treibende Kraft des Seins erkennt. Er meint nicht den eigenen oder gar freien Willen, sondern die Energie, die Präsenz eines jeden Phänomens; den universellen und ziellosen Willen als Grund und Ursache des Seins. Als solcher ist dieser verborgene Wille vergleichbar mit der buddhistischen Auffassung vom bedingten Entstehen und auch vom Leid. Denn der Wille ist nicht unser Wille, und was uns als Wollen erscheint, ist eigentlich Müssen. Auch Schopenhauers Auffassung vom Tod, spiegelt das Wissen um das „einfache“ und das geschulte „bessere Bewusstsein“ wider: Für das Erste ist der Tod die vernichtende Bedrohung seiner Existenz, eine „fürchterliche Gestalt“ und für das wahrlich sehende Bewusstsein ist der Tod eine Sehnsucht, die es endlich von dem „geheimnisvollen Bande“ mit dem lebensgierigen bedingten Bewusstsein löst. Das buddhistische Nirwana ist das Erlöschen dieser Gier, der Ego-Sehnsucht, des Anhaftens und der karmischen Kausalität – Ort absoluter Ruhe und Unbewegtheit – es ist nicht einmal ein Ort, auch kein Zustand, es ist ein Abschluss von beidem und deshalb trifft das Prädikat „sein“ überhaupt nicht mehr zu. Das Paranirwana, als vollständiges Erlöschen, ist nach dem Nirwana nur mit dem tatsächlichen, physikalischen Tod erreichbar. Doch wer zuvor das Nirwana nicht erreicht hat, der wird aufgrund seiner karmischen Bilanz weiterhin im Samsara verweilen.

Aufgrund der karmischen Kausalität, die alle Wesen an das Samsara bindet, ist die Voraussetzung zur Erlösung ein Leben entsprechend der buddhistischen Ethik, die sich auf solche Handlungen mit neutraler oder heilsamer Wirkung beschränkt und damit allen Wesen ein erfülltes Leben ermöglicht. Für so eine Lebensführung kann sich jeder, überall auf der Welt entscheiden – auch ohne in ein Kloster einzutreten und die zahlreichen Regeln der Ordination zu befolgen. Mittlerweile haben sich weltweit buddhistische Gemeinschaften gebildet, die eine Praxis entsprechend des Dharma ermöglichen, auch ohne den zahlreichen kulturellen Bräuchen rund um den Buddhismus in Asien. Die Lehre Buddhas hat in der Geschichte viele Schulen hervorgebracht und seit 100 Jahren bilden sich auch angepasste Varianten für die westliche Kultur. Es steht dir, wie allen anderen Wesen frei, die Religion zu praktizieren, die deinem Verständnis von der Natur der Wirklichkeit am besten entspricht. Der Dalai Lama spricht zu Fremden selten über den Buddhismus, ohne anzumerken, dass grundsätzlich alle Religionen eine positive Wirkung auf Menschen haben können, und sie zu mitfühlenden, rücksichtsvollen und glücklichen Wesen machen. Leider wird das nicht in allen Ländern so gesehen und ein Religionswechsel kann Probleme bereiten. Deshalb solltest du dich dem Buddhismus nur zuwenden, wenn unsere Anschauungen für dich wirklich interessant sind. Niemand sollte aus Abneigung gegen eine Religion oder Menschen dieser Religion eine andere auswählen. Nur dein eigener Wunsch aufgrund deiner Neigung kann dir als Orientierung dienen. Alle anderen Religionen gilt es genauso zu respektieren, wie jedes Wesen und dein persönliches Streben nach vollkommenem Glück. Die Entscheidung wirst nun du treffen müssen.

Shenyen

2012 den 29. Januar, Drepung


13
Jan 12

Albertina

Albertina


15
Nov 10

Hard to read – simple to keep

Connor Diemand-Yauman, Daniel Oppenheimer und Erikka Vaughan haben zwei Studien mit schwer zu lesenden Textarten durchgeführt. Die erste verlief in einem Testszenario und die zweite im normalen Lernumfeld der Princeton Universität. Die Doktoren und Professoren der Psychologie  haben jeweils eine Kontrollgruppe und mehrere Testgruppen mit Lernmaterial in unterschiedlichen Schriftarten versorgt.

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In den anschließenden Tests konnten die Gruppen mit schwerer zu lesenden Schriftarten (siehe Bild) als Arial 16pt (die als sehr einfach zu lesen gilt) bessere Ergebnisse erzielen. Der Unterschied war nicht phänomenal aber die Ergebnisse der Studie sind mit Sicherheit erwähnenswert. Wo in den letzten Jahren vermehrt Pillen zur kognitiven Leistungssteigerung in Mode kommen, halte ich solche einfachen Möglichkeiten für den nachhaltigeren Weg unserer Gesellschaft.

Der Grund für die gesteigerte Erinnerungsfähigkeit unseres Gehirns kommt daher, dass das Gehirn sich mehr anstrengen muss, um die Informationen aufzunehmen. Umso komplexer sich das Gehirn mit einem Thema oder einer einzelnen Aussage befassen muss, umso nachhaltiger wird sie “abgespeichert”. Davon hatte ich bereits bei John Medina (der mehrfach als Teacher of the Year ausgezeichnet wurde) in Brain Rules gelesen. Er greift das gleiche Argument nicht bei Textarten, sondern auf einem höheren Level auf: Wenn mehrere Sinne im selben Lernprozess einbezogen werden, ist die Verarbeitung für das Gehirn komplexer und somit nachhaltiger.

Die Studie wurde Ende Oktober in Cognition veröffentlicht, die BBC und The Economist haben Artikel dazu gebracht.

Wichtig für ein effektives Lernen und Erinnern ist vor allem auch eine größtmögliche Aufmerksamkeitsspanne, die dem Thema entgegengebracht werden sollte. Das wiederum ist nichts was erzwungen werden kann. Man kann zwar Ablenkungen minimieren aber die Aufmerksamkeit – oder anders die emotionale Beziehung zum Stoff, welche vielleicht auch vom Ziel abhängig ist, was man dadurch erreichen möchte und wie wichtig einem dieses ist – bewusst zu erhöhen ist nicht während des Lernens möglich, sondern eine zusätzliche Ablenkung. Die Motivation, die zur einfach Aufnahme führt, ist intrinsisch. Precht (Wer bin ich und wenn ja, wie viele) schreibt dazu, dass sein vierjähriger Sohn zwar verschiedenste Dinosaurier mit Namen und Eigenschaften auswendig kennt, aber immer noch Probleme hat, sein T-Shirt selbst anzuziehen.


16
Okt 10

Auszug aus meiner Hausarbeit

Zur Zeit Arbeite ich keine Themen für mein Blog auf, sondern bin mit einer Hausarbeit beschäftigt, von der ich hier einen Auszug veröffentliche. Die Aufgabe ist eine Zusammenfassung und Analyse des Buchs “Was bedeutet das alles?” von Thomas Nagel – eine einfach und knappe Einführung in die zentralen Fragen der Philosophie. Nagel lässt dabei jegliche Aufarbeitung und Darstellung der Diskussionen und vielseitigen Theorien zu den Fragen außen vor, sondern versucht nur, in Zehn Kapiteln die Problematik dieser Fragen in angemessener Tiefe deutlich zu machen. Meine Zusammenfassung, Kritik und Meinung bezieht sich auf Kapitel 6: Willensfreiheit.

Zusammenfassung
Das Kapitel Willensfreiheit versetzt den Leser zu Beginn in ein Selbstbedienungsrestaurant, wo jemand die Entscheidung zwischen einem Pfirsich und einer Schokoladentorte zum Dessert treffen muss. Retrospektiv behauptet die Person, die sich für die Torte entschieden hat, sie hätte sich der Figur zur Liebe lieber anders entscheiden sollen und das auch gekonnt. Anhand dieser Aussage fragt der Autor, was dies bedeutet – anders gekonnt zu haben – und ob es wahr ist. Er verdeutlicht kurz die Meinung, die dazu allgemeinhin verbreitet ist: Man hätte ohne Einschränkung die Chance gehabt anders zu handeln, um dann zu hinterfragen: War die Entscheidung tatsächlich offen und einzig und allein von der Person abhängig? Nagel versucht gar nicht diese komplexe Frage direkt zu beantworten, sondern führt den Leser in ihre Tiefe, indem er verschiedene Vergleiche zieht und die Frage in immer anderer Form aufbringt. Zuerst wird mit anderen Entscheidungssituationen verglichen und klar gemacht, wie die ursprüngliche Behauptung (anders wählen zu können) zu verstehen ist. Er schreibt: “Sie meinen, Sie hätten auch dann einen Pfirsich wählen können, wenn sich alles Übrige [...] genau gleich verhalten hätte” (S. 51). Als nächstes zieht er den Vergleich mit anderen Subjekten: Warum sollten unserer Meinung nach Personen frei entscheiden können, wenn Dinge oder vielleicht sogar Tiere nicht dazu fähig sind? Wieso denken wir diese weitreichende Freiheit für den Menschen als selbstverständlich? Drittens folgt der Vergleich mit scheinbar festgelegten Ereignissen, wie dem Sonnenaufgang. Hier wird keine offene Möglichkeit gedacht, sondern Abhängigkeiten beruhend auf Naturgesetzen. Also bleibt die Frage, warum dann für die obige Dessert-Wahl trotzdem eine “offene Möglichkeit” bestehen sollte. So bringt Nagel den Leser auf den ersten vier Seiten des Kapitels, durch immer neue Vergleiche, Erläuterungen und besonders Fragen sukzessiv auf das Level, auf dem die Fragestellung nach der Willensfreiheit und ihren Auswirkungen als grundlegend, komplex und problematisch begriffen wird.

Nach dieser gut vierseitigen Einführung geht Nagel dazu über, die Theorie des Determinismus zu beschreiben. Dieser wird als eingeschränkte Freiheit des Menschen erklärt, da alle Entscheidungen eines Individuums abhängig von sämtlichen Faktoren seiner Vorgeschichte seien, bis zu dem Zeitpunkt, einer aufgrund dieser Vorgeschichte unausweichlichen Handlung. So hängen alle Handlungen, von den ersten Zellen auf der Erde bis hin zu Ihrem lesen dieser Wörter, beruhend auf Gesetzen, die uns nicht bekannt sind, voneinander ab und sind genauso unausweichlich wie der morgige Sonnenaufgang – “wie frei wir uns auch immer fühlten” (S. 55). Dies führt Nagel zu der Frage, ob als Konsequenz des Determinismus die Menschen für ihre Handlungen nicht mehr verantwortlich gemacht werden können und den beiden Lagern, die dies nach wie vor als sinnvoll oder durch die Unausweichlichkeit als sinnlos betrachten – wie er selbst.

Nach dem zweiten Drittel des Kapitels beginnt der Autor den entgegengesetzten Fall der Unvorherbestimmtheit zu betrachten: Wenn die Faktoren, die der Determinismus zur Vorherbestimmung heranzieht (die Vorgeschichte, also Gene, Wünsche, Erfahrungen, Charakter, usw.), eben nicht der Grund für eine Handlung sein dürfen, ist sie dann grundlos? Wenn ich etwas grundlos tue, basierend worauf darf ich es dann als meine Tat bezeichnen? Nicht jeder, schreibt der Autor, will dies beantwortet wissen, sondern erkennt es als Freiheit des Menschen und als Grundbestandteil der Welt an. Andere finden darin, wie schon bei dem Determinismus, wieder das Problem der Handlungsverantwortlichkeit, die dem Menschen nicht auferlegt werden kann – diesmal nicht aufgrund der Vorherbestimmung, sondern aufgrund der Grundlosigkeit. So fragt Nagel: “Wie kann ich festlegen, was durch nichts festgelegt war?” (S. 59).

Die dritte und letzte Theorie, die in diesem Kapitel vorgestellt wird, nimmt der Willensfreiheit die Grundlosigkeit – durch die Faktoren des Determinismus. Indem die Faktoren – also jegliche Vorgeschichte bis zum bestimmten Zeitpunkt einer Handlung – nicht als determinierend, sondern als Ursachen betrachtet werden, aus denen die Handlung eines Individuums als eine bewusste Entscheidung hervorgeht. Ein Entscheidungsprozess führt begründet (nicht grundlos) zu dieser Tat und zwar durch das Individuum selbst (nicht durch unausweichliche Vorherbestimmung). Oder anders: Wenn es diese (persönliche) Begründung nicht gäbe, könnte die Tat nicht als eine eigene betrachtet werden, sondern käme ohne Grundlage aus dem Nichts, anstatt aus der begründeten menschlichen Handlungsfreiheit.

Auch diese entschärfte Version der Vorherbestimmung ist für Nagel nicht zufriedenstellend und liefert seiner Meinung nach keinen Grund für eine Handlungsverantwortlichkeit, sondern degradiert den Menschen zur Marionette seines Schicksals. Er selbst sieht sich allerdings außer Stande zu erkennen, wie eine Entscheidung als eigene begründet ist, “wenn sie durch nichts an oder in mir bestimmt wird” (S. 61) und beendet das Kapitel mit zwei Aufgaben, deren Lösung zur Wahrheit dieser vierten Möglichkeit führen sollen.

Kritik und Meinung
Das Kapitel überzeugt zu Beginn durch die Art und Weise, wie Nagel die Fragestellung vermittelt. Er zieht, wie in den ersten Kapiteln, auch hier ein leicht verständliches Beispiel zur Veranschaulichung heran, sieht sich aber dazu gezwungen, die Gedanken und damit das Verständnis des Lesers deutlich mehr in die gewünschte Richtung zu lenken (wie in Kapitel 5). Er gibt – wie überall in dem Buch – dem Leser zwar viele Fragen auf, zeigt aber auch genau, was mit den Fragen gemeint ist bzw. was der Leser mit bestimmten (ihm “vorgeschlagenen”) Aussagen selbst zu meinen glaubt. So wird oft ein und übergeleitet mit “sie meinen”, “damit meinen Sie”, “so meinen Sie”, “sie glauben” oder “wenn Sie sagen [...], bedeutet das”. Das alleine ist schon Indiz dafür, dass die Tragweite der Frage nach Willensfreiheit nicht gleich für jeden ersichtlich ist. Weiterhin fällt besonders in diesem Kapitel auf, dass viele Hypertaxen verwendet werden. Das gilt für das ganze Kapitel aber besonders bei der Beschreibung des Determinismus. Auch das weist auf die Komplexität der Frage und verlangt dem Leser gleichzeitig die notwendige volle Aufmerksamkeit ab, die für das Verständnis erforderlich ist. Da komplexe Gedankengänge und lange Satzstellung in der Philosophie üblich sind um sich exakt auszudrücken, sind diese stilistischen Mittel, die sich im Verlauf des Buchs mehr auszuprägen scheinen, durchaus positiv zu werten.

Betrachten wir das von Nagel gewählte Beispiel im Selbstbedienungsrestaurant, fällt allerdings auf, dass der Mensch dort nicht in der Lage ist eine uneingeschränkt freie Wahl zu treffen, weil Abhängigkeiten zur Natur bestehen. Der Insulinspiegel, das Hungergefühl und der Bedarf an bestimmten Nährstoffen sind biologische Reize, von denen sich niemand frei machen kann. So würde es eher der freien Wahl obliegen, ob jemand zum Beispiel sein Wohnzimmer in Gelb oder Grün streichen möchte. Das Selbstbedienungsrestaurant-Beispiel wäre gut, wenn aufgezeigt werden sollte, dass der Mensch eben nicht vollkommen frei ist – darauf geht der Autor aber richtigerweise nicht ein, weil es nicht Teil einer Einführung in die Philosophie wäre. Spinoza sprach dem Menschen ebenfalls keine uneingeschränkte, vollkommene Freiheit zu (diese hat ausschließlich die Substanz), sondern sprach von der “Knechtschaft der Affekte”. Die Affekte gilt es immer wieder zu erkennen und verstehen, um sich auf die Vernunft zu berufen. (Menschliche) Freiheit lag für ihn darin, frei nach der Leitung der Vernunft zu handeln indem sie selbst zu stärksten Affekt wird. Dabei fasst die Vernunft immer nur das Gute ins Auge: “Der freie Mensch handelt niemals arglistig, sondern stets aufrichtig” (Ethik, Buch IV). Dennoch wird das Kapitel durch das verwendete Beispiel insgesamt nicht schlechter für die gewählte Zielgruppe.

Als nächstes kann ich an dem Kriterium der Handlungsverantwortlichkeit, das Nagel zur Bedingung einer akzeptablen Lösung macht, zwei Ebenen der Verantwortlichkeit erkennen, die im Buch nicht angesprochen werden. Erstens eine nicht hinterfragbare direkte Verantwortung die mit der bestimmten Handlung verbunden ist. Ein Mensch muss für seine Taten verantwortlich sein, unabhängig davon, ob sie vorherbestimmt sind oder grundlos geschehen. Alle Taten treffen auf der Welt, in der Gemeinschaft der Menschen zusammen und dürfen in ihr nicht unverantwortet sein. Sie gehen aus einem bestimmten Individuum hervor und haben Konsequenzen, die weder an den Determinismus noch an die Willkür abgetreten werden können. Die erste Verantwortungsebene liegt also in der Tat selbst. Zweitens bleibt dann die Frage nach der Verantwortung für die Entscheidung zur Handlung an sich. Nur diese darf hinterfragt werden. Sie kann beim Menschen, in einer Vorbestimmung, als grundlos oder ganz anders gedacht werden. Es muss getrennt werden: Zuerst der geistliche Prozess und dann die reelle Handlung. Zweiteres ist wahr und die Verantwortung dafür ist, meiner Meinung nach, unbedingt zu bestimmen.

Ich persönlich glaube nicht an die Existenz eines umfassenden Determinismus, wenn ich auch die im Buch beschriebenen Faktoren (Gene, Neigungen, etc.), auf denen er beruht, anerkennen muss. Kein Mensch kann aus uneingeschränkt freiem Willen handeln und dabei diese Faktoren außer Acht lassen. Entscheidungsprozesse, Verhaltensweisen und Reaktionen unterliegen Komplexen biologischen Abhängigkeiten, über die sich kein Mensch hinwegsetzen kann, um vollkommene Freiheit zu erlangen. Um ein Beispiel zu nennen, ist der Mensch mit seinen Entscheidungsprozessen sehr stark sozial veranlagt. Es wird selten unabhängig vom sozialen Umfeld entschieden, sondern oft einbezogen und bedacht, wie andere sich in vergleichbaren Situationen verhalten haben oder würden. Und trotzdem erkenne ich diese Faktoren nur bis zu einer gewissen Grenze an, denn ich kann immer neue eigene Gedanken in einen Entscheidungsprozess einbringen, der, von mir als denkendem Individuum als weiterer Faktor, mit beeinflusst wird. Oder um es mit den Worten von Precht, aus seiner populärwissenschaftlichen Rundreise in der Philosophie, zu sagen: “Meine Gefühle haben gelernt, sich der Kontrolle meines Verstandes unterzuordnen”. (vgl. Wer bin ich und wenn ja, wie viele? S. 323)

Wenn ich Nagel treffen würde, könnte ich ihn fragen, ob ich unbewusst die von ihm erwähnten unbekannten Gesetze des Determinismus anwende, wenn ich versuche die heutige politische Gesinnung von ehemaligen Klassenkameraden zu erraten? Indem ich ihr damaliges soziales Umfeld (z.B. das Elternhaus) betrachte, mich an ihre Verhaltensweisen erinnere oder versuche sie einem Stereotyp zuzuordnen, könnte ich vermutlich eine passable Trefferquote erzielen. Nehmen wir ein anderes Beispiel: das Wetter beruht ebenfalls auf Gesetzmäßigkeiten. Könnte es aber deshalb von jetzt bis in alle Ewigkeit vorhergesagt werden, wenn wir die Mittel dazu hätten (Gesetzmäßigkeiten und Rechenkraft)? Nein, weil es nicht autark funktioniert: Verschiedene (Gesetzes)-Systeme wirken auf einander ein, wenn z.B. der Mensch durch die Zivilisation das Wetter und die Natur manipuliert. So kann ich auch keine Gesetzmäßigkeit erdenken, die alle menschlichen Handlungen determiniert, weil so ein System unabhängig sein müsste (z.B. von dem genannten Wetter); mit der einzigen Ausnahme, dass es als allumgreifend zu verstehen wäre – mit den menschlichen Handlungen im Kern oder vielleicht auch nur als Nebenprodukt einer einzigen vorherrschenden Gesetzmäßigkeit.

In dem Punkt, dass ich für mich keinen umfassenden Determinismus begreifen kann und möchte, stimme ich mit Nagel überein. Alle Entscheidungen, jede Handlung und damit auch jeder einzelne Gedanke wäre vorherbestimmt – wofür wäre dann meine Erfahrung dieses vorherbestimmten Lebens überhaupt noch notwendig? Würde es nicht auch ohne meine, in diesem Sinne ausschließlich passive und rezeptive, Sinneserfahrung identisch ablaufen können? Würde das auch bedeuten, dass wenn der Determinismus wahr ist, die offensichtliche menschliche Willkür und der Zufall ein System hat, also auf einem Gesetz (als Teil des Determinismus) beruht und damit in seinem eigentlichen Sinne gar nicht existiert? Und wenn der Determinismus ohne Endzweck ist und von niemand bestimmt wird, ist das Schicksal des einzelnen dann willkürlich (weil von niemand bestimmt) aber selbst (im Verlauf) ohne Willkür? Wenn ich keinen Willen und keinen Endzweck habe, hat der Determinismus dann einen? Mein Freiheitsdenken kann ich zwar mit den Faktoren des Determinismus vereinbaren, aber sie nicht als einzige Faktoren ansehen, nicht als allumgreifend und nicht als Gesetz. Dadurch bestimme ich mein Verhalten und Unterbewusstsein zwar nicht in jedem Augenblick, aber kann es langfristig durch Reflektion nach meinem freien Willen beeinflussen.


05
Sep 10

Eating Animals

Ich habe es noch nicht gelesen, aber ich denke, es ist eine Empfehlung wert: Jonathan Safran Foer – Eating Animals

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04
Sep 10

Facebook: Eine kleine Kritik

Vor 3 Jahren habe ich meinen Freunden prophezeit, dass sie in einem Jahr Twitter und in zwei Jahren Friendfeed für sich entdecken werden. Aus ersterem ist bei den meisten zum Glück nichts geworden. Zweiteres – Friendfeed – war für mich damals das innovative Social-Network-Konzept schlechthin. Dort konnten die Nutzer jegliche ihrer Onlineaktivitäten in einem “Stream” aggregieren (YouTube Favoriten, neue Flickr Bilder, Links, Musik, Text usw.), alle Freunde konnten die Posts “liken” (im Sinne von “Gefällt mir” auf Facebook) und kommentieren. Obendrauf gab es wöchentliche Charts der beliebtesten Posts und auch Gruppen wo die Aktivitäten auf spezielle Themen gefiltert waren.

Meine Freunde haben jetzt zwar keinen Friendfeed Account, sie sind aber hellauf begeistert von der Funktionalität. Denn Facebook hat vor einem Jahr angefangen sie zu kopieren. Bezahlt hat Facebook dann später und Friendfeed für 50.000.000$ aufgekauft. Damit kam der Status-Stream, das Liken und Kommentieren von jeder Aktivität, integrieren von externen Links, und einbetten von Videos, Bildern usw. zu Facebook. Indirekt blieb es also dabei, das jetzt alle Friendfeed für sich entdeckt haben. Ich – und ich denke, einige andere aus meinem Freundeskreis auch – sehe das mittlerweile etwas skeptisch.

Ursprünglich nimmt man an Facebook teil, um die Aufgaben der Kommunikation zu vereinfachen, um auf effektive Weise “in Kontakt” zu bleiben, in einer sich auseinanderlebenden Welt. Aber man driftet von diesem einwandfreien Vorhaben schleichend ab und verfällt der anklickbaren Kommunikation, indem man nicht nur mit entfernten Menschen “in Kontakt bleibt”, sondern auch mit den Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung virtuell kommuniziert. Eine unbedingte Konsequenz. Facebook will es so. Der “Freundefinder” hilft gerne dabei immer mehr und immer unbedeutendere Kontakte zu knüpfen.

Facebook versucht mit allen Mitteln die Kommunikation für sich zu beanspruchen und verleitet die Nutzer dazu die angeblich “vereinfachte” virtuelle Kommunikation anderen Wegen vorzuziehen. Vereinfacht, weil eine Eingabebox und ein “Gefällt mir” Button nicht selbst antworten und nachfragen können. Die Kommunikation wird also indirekt, läuft nebenher oder kann pausiert und fortgesetzt werden ohne das sich Teilnehmer zeitlich oder räumlich abstimmen müssten. Dafür gab es bereits Lösungen, wenn auch bisher keine so bequeme. Aber Bequemlichkeit kam noch nie ohne Konsequenzen in unser Leben. Facebook ist dazu gezwungen die Kommunikation zu vereinfachen, weil es das Kommunikationsvolumen durch zahlreiche Faktoren (Indirektheit, Omnipräsenz, das Jeder sieht alles Prinzip, Werbung, Vorschläge, Gruppen, Fan Pages) vorher ins Unendliche steigert und selbst die Vereinfachung bzw. Verknappung in der Form von “Gefällt mir”-Buttons erzeugt wieder neue Kommunikation. Überall bekommt man Aufforderungen (Vorschläge für Freunde, Musik, Organisation, Kontaktmöglichkeiten) zu einem Mehr an Kommunikation.

Es ist ein Trugschluss, dass Facebook die Kommunikation vereinfacht. Facebook bläht sie auf, macht sie zu einer Dauererscheinung (was sie sowieso ist, aber nur räumlich begrenzt), leitet sie in fremde Streams, was sie wiederum politisiert und verkompliziert. Damit wird es zu einer zeitaufwendigen Disziplin in der Gesamtheit der Kommunikation. Durch das Prinzip, das über jede Aktivität des Nutzers weiteste Kreise informiert werden – nach dem Motto: Spread the word, no matter how meaningless -, wird man vollgedröhnt mit Nichtigkeiten zwischen denen die eigentlichen Gründe der Facebook-Mitgliedschaft (um “in Kontakt zu bleiben”) erst mal ausfindig gemacht werden müssen. So werden dem Nutzer Aktivitäten und Nachrichten zwischen entfernten Kontakten unaufgefordert unter die Nase gerieben – wegschauen ist unmöglich und driftet man doch mal an den Bildschirmrand ab, fordert der “Freundefinder” zu seinem Gebrauch auf. Ab und an entdeckt man tatsächlich etwas Interessantes und wird belohnt für eifriges Mitlesen von lauter Belanglosem: Ein gutes Lied oder ein Fotoalbum von einem entfernten Urlaubsort (an dem man vielleicht selbst schon war und jetzt auch der Freund dritten Grades). Nach dem Konsum dieser Informationsperlen, bleibt die selbstkritische Frage, ob man stattdessen nicht etwas Sinnvolleres hätte machen können. Denn obwohl man eigentlich zur effektiven Kommunikation mit seinen wichtigsten Freunden dort ist, konsumiert man unaufhaltsam Inhalte, die einem aufgegeben werden – und zwar größtenteils ohne jegliche aktive Kommunikation.

Hinter den einzelnen Einträgen, die die Mitglieder erzeugen, steckt keine Absicht die man verurteilen könnte. Jeder Macht tagtäglich schöne oder witzige Erfahrungen und will so viele Menschen wie möglich teilhaben lassen. Das ist normal und gut so aber durch Facebook bekommen unzählige Menschen eine penetrante Stimme die vorher stumm geschaltet war. Inwiefern ein gesehenes YouTube Video eine Erfahrung ist, die geteilt werden muss, ist relativ und fraglich. Es wird Konsum weitervermittelt. - Und das ist nicht mal eine Art von Konsum, der produktiv im wirtschaftlichen Sinne wäre sondern nur kontraproduktiv im zeitlichen Sinn. Nicht nur durch Freunde und Freundes-Freunde sondern auch durch Unternehmen wird kräftig von den Vermarktungsmöglichkeiten Gebrauch gemacht. Hinter der Intention von Mark Zuckerberg, Peter Thiel und den anderen Investoren von chinesischen Geschäftsleuten bis zu Microsoft, steckt letztendlich Profitgier.

Es gibt im Internet nicht nur massenhaft Seiten, die die “Top Ten Reasons to Quit Facebook” aufzeigen, sondern auch einige, die zehn Gründe propagieren, warum man Facebook keinesfalls verlassen darf. Um Sie zusammenzufassen: Man verliert seine Marketing Plattform – ob als Privatperson, Künstler oder Unternehmen. Die Effektivität bleibt bei Facebook für die meisten aber hinter anderen Möglichkeiten zurück. Facebook ist kein Ort um entdeckt zu werden, sondern nur ein Ort, wo sich zu Entdeckungen bekannt wird. Es dient dem Profilierungsdrang der Nutzer. Den Horizont erweitern und andere einbeziehen geht auch ohne Facebook. Meist sogar viel spannender, weil nicht virtuell, deshalb mit intensiveren Erlebnissen und Unterhaltungen verbunden und so auch einprägender (das Gehirn merkt sich Erfahrungen/Wissen leichter, umso komplexer die Verarbeitung ist und umso größer die Emotionen dabei sind).

Seine Produkte und kreativen Ergüsse – egal, ob man schreibt, fotografiert, dichtet, musiziert, querdenkt oder KitKat verkauft – werden nicht auf Facebook entdeckt oder gar lieb gewonnen, sondern auf anderen Wegen. Ein Artikel, ein Konzert, eine Ausstellung oder Lesung ist viel effektvoller. Wenn ein Produkt gut ist, funktioniert die Verbreitung auch ohne Facebook und wenn es nicht gut ist, gibt es auch mit Facebook kein Mehr an Konsumenten. Der Kreative investiert Zeit und Mühe, erntet aber nur digitale Blicke und Klicks ohne echten Effekt. Die wahren Fans folgen und verfolgen, womit sie sich identifizieren – egal wie -, die anderen “Fans” folgen auch auf Facebook nicht, bekennen sich höchstens im Sinne ihrer eigenen Profilierung. Für ein Unternehmen und die Künstler bleibt Facebook sekundär, ein Zusatz, aber kann nicht essentiell sein.

Eine kritische Masse für sein Vorhaben als Neueinsteiger über das Internet zu gewinnen ist nicht unmöglich, bleibt aber die Ausnahme. Für die persönliche Weiterentwicklung oder gar den Einstieg in sein Fach oder seine Branche ist es nur Irritation (z.B. als Fotograf). Ernsthafte Weiterentwicklung ist nicht möglich, auch wenn sich vereinzelt Chancen im Freundeskreis ergeben können. Anerkennung seiner Leistungen im eigenen sozialen Umfeld ist schnell gesichert, quasi inklusive und selbstverständlich; zwar wunderbar und hilfreich, aber nicht entscheidend. Es befriedigt persönliches Verlangen nach Anerkennung und Rückmeldung auf seine Werke. Leider unzureichend für ernste Vorhaben, dennoch genug, um nicht effektivere Wege zu gehen, ein Publikum zu erreichen. Facebook ist dann nicht nur sekundär, sondern Stagnation in Mittelmäßigkeit und Irrweg. Für die Privatperson fällt der Nutzen noch geringer aus. Es bleibt interessante Links, Zitate, Erlebnisse und seine Meinung zu verkünden.

Sich mitzuteilen bleibt Aufgabe der Kommunikation, ob mit oder ohne Facebook, aber der Umfang und die Konsequenzen die durch Facebook entstehen sind fragwürdig und relativ kontraproduktiv für den, der gerne produktiv(er) wär. Was schadet es, entdeckte Fundstücke nicht sofort für ein paar Likes in den Stream einzuspeisen, sondern später bei passender Gelegenheit im direkten Gespräch zum Besten zu geben. Oder sie gar ganz für sich zu behalten, um die Entdeckung in Ruhe zu genießen – frei von ständigem Mitteilungszwang. Und weiter, nicht nur zu entdecken, um des Mitteilens Willen. Selbstbeschränkung war schon immer ratsam, wo Bequemlichkeit durch fortschritt entsteht.

Denn was erntet man tatsächlich? Durch das Liken drückt jemand zwar Teilnahme aus, aber offensichtlich zu wenig, um einen sinnvollen Kommentar abzugeben und viele “Follower”, die tatsächlich ein Interesse verspüren, liken noch nicht mal sondern stalken nur ohne aktive Kommunikation. Dann gibt es die Follower, die einen zwar nicht tangieren, aber trotzdem gewillt sind einen Kommentar abzugeben. Natürlich gibt es immer noch die wirklichen Freunde (weshalb man ursprünglich zu Facebook kam), aber bei denen bleibt es nicht. Facebook will es nicht so. Und es wird nach Facebooks Regeln gespielt. Also endet alles in aufwendiger und mehr oder weniger gewollter Konversation, um die man sich gefälligst zu kümmern hat.

Aktiv wird man von der Plattform überall verfolgt:

  • Benachrichtigungs-E-Mails
  • Handy Apps
  • SMS (es gibt Verträge mit Mobilfunkanbietern in Afrika, um auch in den Handy-Nationen Facebook zu verbreiten)
  • am PC Zuhause sowie auf der Arbeit
  • Integration auf nahezu jeder erwähnenswerten Internetseite und mit allem was irgendwie “Social” sein möchte (Like-Buttons, Authentifizierung per Facebook Account)

Alles was vernetzt ist, wird von Facebook infiltriert. Facebook  beansprucht die Kommunikation. Dazu baut das Unternehmen eine umfangreiche Infrastruktur und durchzieht das ganze Internet mit seinen Buttons. Profit ist die Motivation.

Die Plattform hat eine Kultur des Vergnügens und Profilierens, so dass ernste Diskussionen kaum Chancen auf Erfolg haben, ohne verfrüht abgebrochen zu werden oder unterzugehen im progressiven Stream der ständig nach neuen Aktivitäten verlangt und alles Vergangene nach wenigen Stunden in den endlosen Tiefen von Facebook verschwinden lässt. Auf Friendfeed (das immer noch separat betrieben wird) entstehen immerhin noch gute und längere Diskussionen, was einerseits durch die erwachsenere Kultur  und qualitativ besserer Posts und andererseits durch eine Option, die dem Nutzer vergangene Diskussionen mit seiner Beteiligung auflistet, um sie weiterzuverfolgen, ermöglicht wird. Auf Facebook herrscht ganz offensichtlich und bewusst kollektive Zeitverschwendung a la Mafia Wars und Glückskekse. Man muss sich nicht daran beteiligen, aber der Kultur, die dadurch auf Facebook entstanden ist, entkommt man als Nutzer ebenso wenig. Facebook will es so. Des einen Konsum ist des anderen Profit.

Das alles gilt nicht nur für Facebook. Facebook steht für andere Social Networking Dienste als Platzhalter und Platzhirsch. Facebook ist Kern und Vorreiter der Entwicklung. Mark Zuckerberg denkt langfristig. Aktuelle Proteste gegen Facebook’s Privatsphäre-Politik sind die Aufmerksamkeit des Visionärs kaum wert. Er schreitet voran, Facebook Links und Buttons zu verbreiten und mit Sicherheit auch bald darüber hinaus. Er weiß, dass Soziale Netze mit der Gunst der Nutzer kommen und gehen. Deshalb positioniert Facebook sich nicht nur im eigenen Reich auf facebook.com, sondern baut überall Außenposten auf, um mehr Nutzer und mehr Kommunikation in das System zu holen. Unter dem Deckmantel von Social Networking wird Konsum vermittelt.

So erkennt Maryanne Wolf: “das Internet gibt mir das Gefühl, immer das nächste und nächste tun zu müssen. Und das setzt sich plötzlich auch im sonstigen Leben so fort. Das Netz ist das schwarze Loch unserer Gesellschaft, es verschlingt unsere Zeit.” Es gibt unendlich Möglichkeiten, unendlich Wissen, unendlich Spiele, unendlich Musik, unendlich Diskussionen – wir können jederzeit Teilnehmen. Die Möglichkeit zur Teilnahme ist gleichzeitig eine Aufforderung die uns anzieht und ablenkt. Die Welt wird zu einer Fundgrube, in der gebuddelt wird, nur um zu finden. Eine Armee von Sammlern gräbt sich durch YouTube, Foto-Blogs und Nachrichtenportalen, um ihre besten Exemplare im Social Network zur Schau zu stellen. Wer das dementieren möchte, muss sich die Frage stellen, warum bevorzugt neue und möglichst exotische Stücke den Weg in Facebook’s Stream finden? Trotz dieses Such- und Sammelwahns, schafft der einzelne es nie zu einer kompletten oder auch nur annähernd strukturierten Sammlung, denn der Stream verschlingt unendlich und wartet auf Nachschub. Er zeigt nur einen aktuellen Ausschnitt und versteckt den tatsächlichen Exzess in den tiefen von Facebook – nur für Facebooks Augen sichtbar. Aber wer wollte sich auch tatsächlich in vollem Umfang das Elend von sich immer wiederholenden Likes und kaum zu unterscheidenden Kommentaren vor Augen führen, mit denen sich immer wieder aufs Neue der Moment vertrieben wird. Wer in seinem Stream 50 mal auf “Älter” klickt und von oben nach unten scrollt, könnte leicht an kollektiven Realitätsverlust denken.

Ich möchte sie eigentlich überhaupt nicht teilen, aber mit Blick auf Facebook erscheint die arrogante Antwort von Jean-Jacques Sempé, auf die Frage, was die Menschen beschäftigen würde, nahe liegend: “die Langeweile”.

Für das soziale Tier Mensch ist es in unserer Überflussgesellschaft nicht weniger wichtig zu kommunizieren als zu essen, aber wie beim Essen muss auch bei der Kommunikation darauf geachtet werden, wie viel und was man sich wie schmecken lässt. In einem zweiten Teil, möchte ich dazu demnächst noch ein paar Ansichten loswerden…


20
Aug 10

Nachtrag zur Empathie

Als Nachtrag zum Beitrag vom Loveparade-Unglück und der relativ falsch verteilten Empathie ein kurzer Artikel der taz zum Hochwasser in Pakistan: Die Rangfolge der Empathie

Empathie sollte wertfrei sein und nicht von Staatsgrenzen beeinflusst. Mensch ist Mensch.


26
Jul 10

Loveparade-Unglück und Verzerrung der Medien

Die heuchlerische Anteilnahme der Medien und der Nation an den Toten des Loveparade-Unglücks, wiederstrebt mir aus zwei Gründen.

Erstens steckt dahinter die Sensationslust und der Voyeurismus von uns allen, der allgemein in den Medien und speziell in den Boulevardmedien bedient und ausgenutzt wird.

Zweitens wird es in den Medien leider wesentlich prominenter behandelt als viel grausamere Todesfälle die täglich und in beängstigender Anzahl passieren. Aber diese hätten viel dringender, um vielleicht zu einer besseren Welt zu führen, die Aufmerksamkeit der Bevölkerung verdient,  im Gegensatz zu Unfällen, die immer wieder passieren und im großen Stil die Titelseiten der Zeitungen füllen. Das Unglück wird als Verbrechen untersucht, die “Verantwortlichen” werden denunziert und alle der zwar unglücklichen aber zufälligen Ereignisse und Umstände, die dazu führten, sind bis ins kleinste breit getreten.

Heute ist das erste Drittel der Tagesthemen-Internetseite zum Thema “Loveparade-Katastrophe” gefüllt. Aber das Bradley Manning (wahrscheinlich) und Wikileaks ungeheure Arbeit leisten, um zu belegen, was in Afghanistan Tagesordnung ist (die Ermordung von unschuldigen Zivilisten unter dem Deckmantel unserer Sicherheit), taucht im unteren Drittel auf. Für mein Verständnis, steht das in einem falschen Verhältnis. Auch wenn ein paar Medien heute mehr Kompetenz bewiesen haben, fand ich das gleiche Schema in den privaten Unterhaltungen wieder.

Es darf und muss über das Unglück berichtet und getrauert werden, aber es kann für die Allgemeinheit doch letztendlich nicht höher bewertet werden, als die zahlreichen größeren Katastrophen und schrecklichen Situationen die Mitmenschen auf unserem Planeten betreffen. Die Empathie, die falsch verteilt ist, was durch die Medien nur repräsentativ (siehe erstens) wiedergegeben wird, wäre an anderer Stelle besser eingesetzt, um politisch Druck aufzubauen. Die Welt ist nicht, wie sie ist; wir bringen sie in jedem Moment neu hervor.


23
Jun 10

Happy Birthday

Meine Nikon hat heute ihren zweiten Geb. :)

nikon


19
Jun 10

Gerüchte von der Front

Man munkelt, mit der gescheiterten Top-Kill Aktion, bei der mit hohem Druck über zwei Tage lang bis zu 13.000 Liter Schlamm pro Minute in das Bohrloch geschossen wurden, ist das Steigrohr beschädigt worden. Wie tief die Stelle liegt, ist nicht genau bekannt. Falls das Zutrifft, tritt das Öl unterirdisch in den umliegenden Meeresboden.

Dabei muss man sich die Dimensionen des Problems klar machen: 1500 Meter unter der Wasseroberfläche beginnt das Rohr, mindestens weitere 300m tiefer ist es – wie sich andeutet – beschädigt. Dort tritt das Öl mit ungeheurem Druck aus und verteilt sich kilometerweit im felsigen und schlammigen Meeresboden, aus dem es sich dann unzählige Wege suchen wird, um in den Golf zu gelangen. Niemand wird das je unter Kontrolle bekommen.

Es sind angeblich noch 95%-97% des Öls in der Quelle – wobei ich nicht weiß, ob die 100% ursprünglich oder seit dem Unfall gerechnet werden. Aber in absoluten Zahlen: geschätzte 7.000.000.000 Liter.

Die Top-Kill Aktion wurde nicht ohne Gründe erfolglos abgebrochen, einer davon können die verursachten Schäden am Steigrohr sein. Und BP hat auch nicht grundlos angekündigt, das vor August nichts unter Kontrolle ist.

Müssten sie das Gerücht bestätigen, würden sie es nur langsam in vollem Umfang ans Tageslicht kommen lassen. Niemand hätte den Mut es direkt auszusprechen und offen zu kommunizieren. Erst recht nicht in der Ölindustrie, die grundsätzlich gegen jede Nachhaltigkeit und informierte Konsumenten ist. Bei diesen Krisenmanagern kann es nicht nur eine Befürchtung sein, dass uns das Schlimmste bisher vorenthalten wurde – so funktioniert deren Kommunikationskultur. Geheimhaltung ist ihnen aber auch nicht möglich – die Öffentlichkeit wird seit Wochen sukzessiv mit dem gesamten Ausmaß konfrontiert. In dieser Manier wird es auch noch weitergehen, wahrscheinlich über Jahre.

Wie gesagt, es wird bisher nur gemunkelt. Weshalb auch noch nichts in den Mainstream Medien zu lesen ist. So wie es aussieht, kann das aber nur eine Frage der Zeit sein.

Auf der deutschen Wikipedia Seite gibt es bereits einen Abschnitt dazu.

Auf diesem Blog sind die andeutenden Statements und Interviews zusammengefasst.

Update: Die Methode, die jetzt genommen wird heißt Bottom-Kill, wobei neben der eigentlichen (fast 6000m tiefen) Bohrung weitere Bohrungen auf gut 5000m durchgeführt werden, über die dann das Steigrohr seitlich angebohrt wird, um hier direkt den versiegelnden Schlamm reinzudrücken. Dadurch wären theoretisch auch höher liegende Beschädigungen außer Kraft gesetzt. Fraglich ist, wie lange es dauert, dass 18cm breite Rohr in 4500m Tiefe zu treffen und wie viel Öl bis dahin im Meeresboden steckt. Wenn es fehlschlägt, bringt die Methode möglicherweise ein zweites Leck. So wie es aussieht, sind aber alle anderen Lösungsvorschläge (Absaugen, Top-Hat, Top-Kill)  bereits gescheitert.