Die Gestaltung und das Thema der Arbeiten für diesen Wettbewerb waren frei wählbar, von basteln bis texten war alles möglich. Ich dachte erst daran fernöstliche Philosophien mit den alltäglichen Lebensweisen der Menschen dort in Verbindung zu bringen. Habe mich dann aber relativ schnell auf den Buddhismus beschränkt, weil es sonst zu umfangreich geworden wäre und außerdem, wegen den zahlreichen Selbstverbrennungen in Tibet in den letzten Monaten . Dummerweise hat am Schluss der Platz nicht mehr für den politischen Teil gereicht, aber wie so oft verschiebt sich der Fokus einer Idee während der Umsetzung gerne mal.
Zum Beitrag:
Die Arbeit ist ein fiktiver Brief eines buddhistischen Mönchs an einen deutschen Firmling, der kurz vor seiner Initiation Zweifel an der katholischen Religion bekommt. Der Mönch versucht in dem Brief, die buddhistische Religion und Lebensweise zu erklären. Er benutzt dabei die menschliche und respektvolle Sprache, mit der auch der 14. Dalai Lama im Westen sein Bild und das der Buddhisten geprägt hat. Die Autorenperspektive ist in einen buddhistischen Mönch verlagert und im Laufe des Briefes werden verschiedene Berührungspunkte der östlichen und westlichen Kulturen, sowie deren Repräsentanten in Religion und Philosophie, aufgearbeitet.
Brief aus Tibet
Hallo Pius,
der Abt unseres Klosters hat mir angeboten, deinen Brief zu beantworten. Angeboten deshalb, weil wir Mönche eine Gruppe freier Individuen sind und einander nicht unter- oder übergeordnet. Ich möchte gerne versuchen, dir eine genauere Vorstellung unserer Religion zu vermitteln. Unser Kloster Drepung, das eine kurze Busfahrt von Lhasa’s Stadtzentrum entfernt, am Fuß des Berges Gambo Utse, liegt, ist Teil der Gelug-Schule. Das ist wichtig, denn es gibt im Buddhismus zahlreiche Richtungen oder Schulen, wie wir sagen. Aber dazu gleich mehr.
Wir alle werden mehr oder weniger verbindlich in die Religion unserer Heimatregion oder zumindest unserer Eltern hineingeboren. Das betrifft nicht nur die Religion, sondern auch kulturelle Bräuche, politische Systeme und soziale Umstände. Es fühlt sich für viele wie eine üble Zwangsmitgliedschaft an, bei dem die eigenen Lebensumstände und Ansichten von einem Zufall diktiert wurden. Zweifel an der eigenen Religion sind also keine Seltenheit, und jeder wird sich im Laufe seines Lebens die Frage stellen, ob er für die Entscheidung, die anfangs gefallen ist, auch in Zukunft einstehen kann. Deshalb ist es ein gutes Zeichen, wenn man das Schicksal schon früh überprüft. Wir respektieren alle Wesen, genauso wie deren Religionen und sind der Meinung, dass jeder nur sein passendes Gegenstück finden muss.
Vor 2500 Jahren, als sich die Kulturen und Religionen noch voneinander isoliert entwickelten, lehrte Buddha – der Erleuchtete – in Nordindien seine Erkenntnisse vom Heilspfad. Seine ersten Schüler gaben die Lehren mündlich weiter. Nach 100 Jahren kam es zu ersten Niederschriften und dabei zu Uneinigkeit über die Vorschriften, die für buddhistische Mönche in ihrer Lebensweise gelten sollten. Die Glaubensgemeinschaft teilte sich in die alte (Hinayana) und die neue Schule (Mahayana). Daraufhin entwickelten sich in den folgenden Jahrhunderten viele weitere Ableger. Die alte, konservative Schule des Hinayana – der Theravada – ist in den südlichen Ländern Asiens von Indien bis Vietnam verbreitet. Die zahlreichen Schulen des Mahayana-Buddhismus werden in China, Japan und Korea praktiziert. Und der im achten Jahrhundert ebenfalls aus dem Mahayana hervorgegangene Vajrayāna wird bei uns in Tibet praktiziert. In den wesentlichen Punkten Buddhas Lehre stimmen alle überein – unterschiedlich festgelegt wurde aber das Klosterleben der Mönche und der Mahayana führte das Konzept des Bodhisattva ein, zu dem wir noch kommen.
Abgesehen von vereinzelten Kontakten ist der Buddhismus im Westen erst im letzten Jahrhundert zum Begriff geworden. Der Österreicher Heinrich Harrer, der sich in den Wirren des zweiten Weltkrieges vom britischen Indien nach Japan durchschlagen wollte, fand in Lhasa Zuflucht. Der Fremde wurde dort zum Freund des Dalai Lama. Er fotografierte und übersetzte an dessen Hof. Nach seiner Rückkehr nach Europa schrieb er über seine Erlebnisse den weltweiten Bestseller „Sieben Jahre in Tibet“. Durch diesen Welterfolg wurde unsere Religion, Lebensweise und unser Schicksal unter der chinesischen Invasion im Westen bekannt. Der Dalai Lama konnte durch Harrers kulturellen Brückenschlag später unsere buddhistischen Lehren dem Westen bekannt und verständlich machen. Daraufhin gewann besonders der Vajrayāna – genau wie Tibet und der Dalai Lama selbst – im Westen an Popularität. Im Gegenzug gewannen aber auch wir eine Vorstellung von dem Lebensstil in den Industriestaaten.
Ich weiß nicht, ob es auf dich zutrifft, aber die meisten Menschen des Westens hören zuerst von einem ganz besonderen Aspekt unserer Religion: Wir Buddhisten glauben an den ewigen Kreislauf des Lebens, also an die Wiedergeburt als unterschiedliche Wesen. Deshalb wirkt der Buddhismus auf viele, die nicht weiter mit unseren Ansichten vertraut sind, im ersten Moment sehr sympathisch. Das liegt daran, dass die Menschen unbedingt an ihrem Leben festhalten wollen und Hoffnung über den Tod hinaus suchen. Betrachtet man den Buddhismus dann näher, werden diese Hoffnungen leider enttäuscht. Es stimmt zwar, dass Buddha den ewigen Kreislauf des Lebens gelehrt hat (wir nennen ihn Samsara), aber das Festhalten an diesem Leben, an jeder Existenz im konventionellen Sinne ist für Buddhisten eine der unheilsamen Verwirrungen des Geistes. Den Kern Buddhas Lehre bilden die vier edlen Wahrheiten vom Leid, dessen Ursprung, dessen Beendigung und dem Weg dieser Beendigung.
Was meint Buddha mit dem Leid? Es ist das Leid, das alle Wesen betrifft, alles Sein. Diese umfassende Leiderfahrung hat verschiedene Aspekte. Der erste ist der erwähnte Kreislauf des Lebens – Samsara – von Geburt und Tod, Entstehen und Vergehen. Auf dem Weg vom Anfang zum Ende erfahren wir Krankheiten und Alterung, die eine chronische Steigerung des Leids verursachen. Zu dieser absoluten Anhäufung des Leids kommt die Relativität des Glücks, die uns als das Leid der Veränderung bekannt ist. Denn Glück summiert sich nicht zu solchen Größen wie das Leid, es ist in ständigem Wandel: Was uns heute Freude macht, sei es Reichtum, eine erfüllende Arbeit, Ruhm oder auch Freundschaften, kann uns morgen schon langweilen oder Sorgen bereiten. Leidenschaft wird schlimmstenfalls zu Hass oder Gewalt. In den Fesseln der ständigen Veränderung ist wahrhaftes, uneingeschränktes Glück unerreichbar. Das scheinbar Erstrebenswerte wird für alle Lebewesen so zum Zuckerbrot des Jammers.
Buddha erkannte einen weiteren, tiefgründigen Aspekt des allgegenwärtigen Leids: Das Leid des Bedingtseins. Es ist nicht ganz leicht zu verstehen, was damit gemeint ist, denn es hängt mit einer anderen, wichtigen buddhistischen Lehre zusammen, und zwar die vom Nicht-Selbst: es heißt Anātman im Gegensatz zu Ātman, dem Selbst. Diese Auffassung könntest du vergleichend als einen Gegensatz zu dem christlichen Begriff einer Seele verstehen. Buddhisten glauben an keine innewohnende immaterielle Identität eines Wesens. Wo sich Christen auf ihre unveränderlich, beständige Seele berufen, die selbst den Körper überdauert, halten wir es für eine Voraussetzung der Erlösung aus dem Samsara uns von diesem „Ich“ nicht zu einer leidvollen Existenz verlocken zu lassen. Ansichsein ist eine irreführende Vorstellung von der wahren Beschaffenheit der Wirklichkeit. Wenn du den Menschen genauer betrachtest, wird klar, dass er eine Zusammensetzung ist: Aus den fünf Skandhas – den Daseinsfaktoren: den Emotionen, der Wahrnehmung, den Geistesformationen, dem Bewusstsein und den Sinnesorganen. Und weiter betrachtet, wird deutlich, dass sich diese Faktoren wieder aus Teilen zusammensetzen. Jede Sinnesfähigkeiten besteht jeweils aus drei Faktoren: zum Beispiel aus dem visuellen Objekt, dem Auge und dem visuellen Bewusstsein. Die Analyse kann nach anderen materiellen und immateriellen Kategorien fortgeführt werden, aber es wird bereits deutlich, dass der Mensch und die Seele im Zusammenfinden vieler Faktoren entstehen. Das ist der Grund, warum für Buddhisten die menschliche Lebensform eine von außen bedingte ist: Wir werden in die Welt geführt indem viele Faktoren zusammentreffen, und Faktoren sind es, durch die uns das Leben gelassen und genommen wird. Die Zeitlichkeit ist die Macht, die uns unterstellt. Neben jeder Geburt steht murmelnd der Tod und füllt seinen Sand ins nächste Stundenglas: „Memento mori“. Was es bedeutet, wollen wir nicht wahr haben. Aber Entstehen im Samsara ist nach buddhistischer Lehre ein Leid, weil wir die Kontrolle über unsere Existenz dafür einbüßen. Unsere Existenz ist Fremdbeherrscht. Denn gäbe es Ansichsein, dann gäbe es gar kein Leid, weil Ansichsein bedeutet, zu sein, was man ist – frei von anderen Zuständen, leidvollen Zuständen, als ein pures Selbst ohne Faktoren.
Hat man davon einmal ein wirklich tiefes Verständnis erlangt, fügt es sich in einen größeren Zusammenhang: Aus zahlreichen Faktoren setzt sich alles Sein zusammen, im Entstehen halten die Faktoren ihren ursächlichen Einzug, dieses ständige Entstehen ist bedingt durch unsere Unwissenheit um seine eigentliche Natur und diese Unwissenheit ist der Grund unseres Eintritts in den leidvollen Kreislauf. Dabei war es eigentlich wahrhaftes Glück, was alle Lebewesen aus innerer Überzeugung suchen. Deshalb soll im Buddhismus jene Unwissenheit durch Meditation in Erkenntnis und Befreiung gewandelt werden die zur wahren Natur des Glücks führt. Die drei Formen des Leids sind also a) die Bedingtheit unseres scheinbaren Selbst und damit unserer Existenz, die ein Nicht-Selbst ist. b) Das Leid der ständigen Veränderung und c) Das Leid des Kreislaufs von Geburt, Krankheit, Altern und Tod. Bevor ich dich mit der Möglichkeit einer Befreiung vertraut mache, solltest du noch zwei weitere wichtige Grundlagen des Buddhismus kennenlernen: Bedingtes Entstehen und Karma.
Jede Religion hat ihre Philosophen und der Buddhismus ist ganz besonders durch die großen Meister geprägt, die die Lehren des Buddha durch ihre Meditationen und Schriften bereichert haben. Die verschiedenen Schulen sind aus diesen Meistern hervorgegangen. Einer von jenen Meistern ist Nāgārjuna. Er lebte im zweiten Jahrhundert und legte den Ursprung für die Mahayana- und damit Vajrayāna-Schule. Der deutsche Philosoph Karl Jaspers nahm ihn in sein Kompendium der Großen Philosophen auf.
Nach Nāgārjuna hat das bedingte Entstehen drei Bedeutungsebenen: die fehlende Identität (wie eben beschrieben), dann eine kausale Abhängigkeit und drittens bedeutet es, dass das Ganze aus Teilen besteht und wiederum die Teile für sich ohne das Ganze dennoch nichts sind. Daraus ereilt uns eine schwer zu verstehende Konsequenz: Alles Sein ist und ist doch nicht. Nāgārjuna spricht von der Leerheit (Shunyata) der natürlichen Phänomene: Sie sind leer, weil sie von sich selbst aus nichts weiter sind als die Koinzidenz der Faktoren. Eben habe ich bereits die immanente Identität erwähnt – sie fehlt diesen Objekten und genau dieses Fehlen bezeichnet die Leerheit: Sie sind quasi nur eine Hülle, eine Äußerlichkeit, ein Schein. Dennoch glauben Menschen, in allen Dingen eine Identität zu erblicken – dieser Irrtum ist ein Teil des Leids – eine Verblendung die den Weg zur Erlösung versperrt. Buddha hat das Sein nicht verneint, um damit Nichtsein zu postulieren. Nāgārjuna beschreitet den „mittleren Weg“, zwischen diesen beiden Daseinsformen. Die Phänomene sind, aber Sein kommt ihnen nicht zu: Das Etwas und das Nichts – beides wird verneint, um die Erkenntnis der Leerheit zu gewinnen. Die Wirklichkeit der Erscheinungen entsteht in der Synthese mit der subjektiven Wahrnehmung, die den unzähligen Zusammentreffen der Faktoren Identität stiftet. Das „Ding an sich“ des Königsberger Philosophen Immanuel Kant heißt bei Nāgārjuna Shunyata: Was wir sehen ist eine Wirklichkeit aus der Synthese der äußeren Faktoren und der subjektiven Wahrnehmung jedes Wesens. Wir können die Leerheit nicht direkt erkennen, dennoch müssen wir verstehen, dass Identität kein ursprüngliches Attribut der Phänomene ist, sondern durch das Subjekt substituiert. Das ist zwischen den beiden großen Philosophen eine winzige Schnittmenge: Wo wir glauben die Dinge fälschlicherweise mit Identität zu versehen, wird ihnen in Kants Philosophie durch die Wahrnehmung die Gesetzmäßigkeit der Natur angehaftet, die ihnen an sich nicht zukommt. Bei beiden wird synthetisiert und addiert. Aber Kants Form der Wahrnehmung ist für ihn kein Irrtum, sondern die einzig mögliche. Für uns hingegen ist sie ein Leid, weil wir aufgrund der Welt, die wir missverstehen, zu leidvollen Handlungen und Emotionen gedrängt werden – eben aufgrund dieses Missverständnisses. Wenn du dieses grundliegende Muster wahrhaft verstehst, siehst du das abhängige Entstehen, die Leerheit, die Bedingtheit der Existenzen und die kausale Notwendigkeit ihrer oft negativen Handlungen und Emotionen – dann siehst du das Leid, das Entstehen und Vergehen und den Heilspfad des Buddha zu umfassender Erkenntnis.
Wie du siehst, ist der Buddhismus als Religion sehr stark von Philosophie geprägt und das buddhistische Leben ist eine Art philosophisches Leben. Auch die Kausalität, die ein Teil des Entstehens bedingter Existenzen ist, unterziehen wir Buddhisten einer tiefen Analyse. Wir kennen noch eine andere Art von Ursache und Wirkung, als jene, die gemeinhin der Physik zu Grunde gelegt wird: Das Karma-Gesetz. Es bezieht sich auf die Handlungen der Wesen und ist ein leicht nachvollziehbares Kausalitätsprinzip, weshalb das Wort Karma bereits in viele Sprachen übernommen wurde. Wir meinen damit nicht nur die Taten selbst, sondern auch Hintergedanken und Motivationen – es umfasst körperliche, verbale und auch mentale Willensäußerungen. Karmische Vorgänge benötigen also immer ein handelndes oder wollendes Subjekt. Dessen zahlreiche Handlungen teilen wir ein in Heilsame, Unheilsame oder Neutrale. Sie haben dann, nach buddhistischer Auffassung, entsprechend negative, positive oder ausgewogene Resultate – sie führen also zu Leid, Freude und Glück oder Gleichmut. Man kann also sagen, alle unsere Absichten und Handlungen erzeugen eine Bilanz, die sich nach dem Karma-Gesetz in unseren zukünftigen Erfahrungen manifestieren. Das kann in naher oder ferner Zukunft geschehen: Bei der nächsten Geburt (höhe der Lebensform) oder in den folgenden Leben.
Nun kann jeder seine Handlungen nicht immer beeinflussen, weil man manchmal zu bestimmten Verhaltensweisen gezwungen ist, oder jemand kann seine Taten später bereuen. Das Karma-Gesetz berücksichtigt diese Umstände, doch nur, wenn man tatsächlich einen überzeugten Willen äußert, denn Reue kann nicht vorgetäuscht werden. Was sind nun diese unheilsamen und heilsamen Handlungen? In den buddhistischen Schriften sind sie an zahlreichen Stellen in unterschiedlicher Komplexität beschrieben worden. Zum einen wird von den unheilsamen Wurzelemotionen oder -verblendungen gesprochen: Gier, Hass und Verblendung. Heilsam dagegen wirkt das Ablegen dieser Emotionen durch Großzügigkeit, Güte und Weisheit. Wichtig sind auch die zehn unheilsamen Handlungen: Töten, Stehlen, sexuelles Fehlverhalten; Lügen, entzweiende Rede, harte Rede und sinnloses Geschwätz; Begierde, schädliche Gedanken und Absichten sowie Festhalten an falschen Ansichten. Wie du siehst, setzt der Buddhismus eine gesittete Lebensführung voraus, um das Dharma (so nennen wir die Lehre Buddhas) zu befolgen und den Weg zur Erlösung zu beschreiten. Körper und Geist müssen dazu in Meditationen geschult werden. Der Geist soll sein kindisches Festhalten an den Verblendungen, an den leeren Phänomenen und den daraus resultierenden negativen Emotionen ablegen – er muss lernen, sich loszulösen in einen Zustand des Gleichmuts, um die Wahrheit der Natur der Wirklichkeit erkennen zu können. Jeder Praktizierende sollte ein Verständnis davon haben, dass die Ursache seines Leids in ihm selbst liegt: Die Verblendungen und unvernünftigen Emotionen sind bedingt von der Unwissenheit über die Beschaffenheit der Wirklichkeit, denn tatsächlich sind die Verblendungen grundlos, weil sie auf irreführenden, leeren Erscheinungen beruhen.
Die Mönche in Drepung und jedem anderen Kloster folgen deshalb zahlreichen Regeln. Sie sind im Vinayapitaka (einer unserer Schriften) festgelegt, können allerdings von Kloster zu Kloster variieren. Ziel ist grundsätzlich ein Leben in Askese, um aufkommende Begierden zu meiden und uns von falschen Vorstellungen des Geistes zu lösen. Dazu essen wir nur vormittags und verzichten dabei auf Butter, Milch, Süßigkeiten und viele andere Speisen, wir besitzen und benutzen möglichst wenige Dinge, Gold und Silber dürfen wir nicht berühren, wir sind ständig achtsam gegenüber anderen Wesen und meditieren mehrmals täglich. Indem wir Sutras rezitieren – einzelne Abschnitte der Lehrreden – verfestigen wir Buddhas Lektionen. Die buddhistische Gemeinschaft, der Sangha, ist uns äußerst wichtig, um uns gemeinsam von äußeren Ablenkungen fernzuhalten und gegenseitige Lehrer und Schüler zu sein. Bei der Bevölkerung haben unsere Klöster ein hohes Ansehen und wir praktizieren zu bestimmten Zeiten mit den Laienbuddhisten, die zwar in keinem Kloster leben, aber trotzdem nach dem Dharma leben möchten. Wir werden respektiert und mit Lebensmitteln von den Menschen unterstützt. Wir bedanken uns für die gegenseitigen Gaben nicht, denn wir handeln im Sinne des Karmas und dankbar ist derjenige, der eine gute Tat vollbringen kann. So ist der Buddhismus für die gesamte Bevölkerung eine Bereicherung und sorgt für ein respektvolles und mildes Miteinander.
Der Mahayana Buddhismus, zu dem der tibetische gehört hat diesen tiefen Respekt gegenüber allen Lebewesen auf eine ganz besondere Weise in den Heilspfad integriert: Was wir Bodhisattva nennen, bedeutet nicht nur die persönliche Befreiung anzustreben, sondern auch und zwar primär die Befreiung aller Lebewesen. Deshalb gibt es Reinkarnationen zahlreicher buddhistischer Meister wie die des Dalai Lama, die freiwillig in den Samsara zurückkehren. Bodhisattva ist geprägt von einem tiefen Mitleid für alle Lebewesen und dem Streben danach, ihnen den Heilspfad zu zeigen. Altruistische Taten spielen also eine große Rolle für Buddhisten. Diese Empathie – das gilt auch für alle anderen Elemente der Dharma-Praxis – wird getragen von einer tiefen Überzeugung des Individuums. Mönche schulen sich in dieser Lebenspraxis und tatsächlich haben Forscher wie Antoine Lutz von der University of Wisconsin-Madison in modernen Versuchen gezeigt, dass buddhistische Mönche ausgeprägtere Gehirnaktivitäten haben, wenn sie Mitleid fühlen, als andere Menschen. Empathie ist den Menschen also nicht nur angeboren, sondern kann auch weiterentwickelt werden. Es zeigt uns, dass gerade die menschliche Existenz sich besonders dafür eignet, alle Stufen des Leids zu überwinden: Durch Intelligenz, Reflektion und die Fähigkeit langfristig Ziele zu verfolgen, können wir, wie keine anderen Wesen, unseren Geist und unsere Emotionen schulen, das Leid zu überwinden und unsere Unwissenheit abzulegen. Tatsächlich ist meditieren ein sehr aktiver Prozess, der viel Übung und Aufmerksamkeit erfordert. Wie beim Erlernen einer neuen Sportart oder Bewegung, werden die Bewegungen nach und nach verfeinert und im prozeduralen Gedächtnis gespeichert, nur dass es nicht um äußere, motorische Fertigkeiten geht, sondern um die Schulung des mentalen Fingerspitzengefühls: Wann fühle ich welche Emotion, wie wird Mitleid am aufrichtigsten und dauerhaft ein Teil meines Wesens? Nach langer Übung erlangt man eine permanente, bessere Kontrolle über sein geistiges Wesen durch reine Gewahrsamkeit. Wir nennen das auch „Meditation ohne meditieren“.
Um den Pfad zur Beendigung des Leids zu beschreiten, steht am Beginn für jedes Wesen ein intellektuelles Verständnis der Grundlagen Buddhas Lehre, von denen ich in diesem Brief einen ersten Eindruck vermittelt habe. Es ist ein Teil dessen, was wir Pfad der Ansammlung nennen und als den Anfang des buddhistischen Weges betrachten. Er ist mit den Worten des Dalai Lama die Entwicklung „eines ehrlichen Streben [und] aufrichtigen Wunsch, Befreiung zu erlangen“. Darunter verstehen wir auch eine Wertschätzung der drei Juwelen: Buddha, Dharma und Sangha. Sangha, die buddhistische Gemeinschaft, bezieht sich nicht nur auf Mönche, sondern auf alle Praktizierenden sowie Laiengläubigen. Die Zufluchtnahme zu jeder dieser drei Fixpunkte unserer Religion ist ein entscheidender Teil der erfolgreichen Ausübung, denn nur durch gegenseitige Unterstützung und Lehre können wir alle Wesen im Sinne des Bodhisattvas zu Erlösung bringen. Im weiteren Verlauf geht es um höheres Verständnis und Praxis von Ethik, Meditation sowie Ansammlung von Weisheit. Für jeden ist es wichtig zu verstehen, dass die Entwicklung auf dem Heilspfad einhergeht mit persönlicher Reflektion und allmählicher Vertiefung der Erkenntnis der Leerheit. Die Vervollkommnung ist erreicht, wenn alle Lehren des Dharma verinnerlicht und Geist und Körper so weit geschult sind, dass ihre Anwendung auf die Natur der Wirklichkeit intuitiv geschieht. In der Meditation versuchen wir die Energie für diese Befreiung zu sammeln, die wir im Alltag im Umgang mit anderen Wesen durch ausgeglichenes und weises Verhalten versuchen anzuwenden. Wer die Vervollkommnung erreicht und das Festhalten an seinem Selbst, seiner Existenz und dem Samsara als Ganzem aufgibt, der geht ein ins Nirwana. Es ist das letzte der vier Siegel, die unsere Religion für Außenstehende so schwer verständlich machen: Alles ist dem Wandel unterworfen und vergänglich, alles ist dem Leid unterworfen, alles entsteht in Abhängigkeit und ist ohne Selbst und eben das Nirwana, der Ort des Erwachens und Zustand des endgültigen Glücks. Obwohl wir in Anlehnung an Nāgārjuna die Leerheit aller natürliche Phänomene lehren, handelt es sich dabei um keine nihilistische Ansicht, auch das Nirwana ist kein Zustand der alles verneint: Wir begeben uns zwar in Weltflucht, aber der Kern unserer Religion ist nicht auf die Verneinung der Welt gestützt, sondern auf den wahrhaftig erreichbaren Zustands von uneingeschränktem Glück. Wir sind ein Nicht-Selbst und wollen diesem Nicht entkommen. Der Ausgang aus dem Nichts ist die Erkenntnis vom Nichts, ist die Loslösung vom Nichts, ist das Nirwana. Es gibt solche Momente des klaren Sehens, in denen die Komplexität des Lebens scheinbar auf eine banale Formel zusammenschrumpft. Im nächsten Augenblick sind sie wieder verloren. Diese Momente der Klarheit sind es, die unsere Erkenntnis erweitern und die jeder Buddhist zu einem instinktiven Reflex werden lassen muss. Aber bis jemand selbst erkennt, muss er vertrauen, denn die unaussprechliche Allerkenntnis „erwacht plötzlich zur unübertroffenen vollkommenen Erleuchtung“, wie es im Herz-Sutra heißt. Der Gedanke, die Erleuchtung wird nicht denkend gesucht – wer seinen Geist schult, der soll nicht denken, sondern nichtdenken. Die Erwartung und Suche verblendet. Man muss schauen, ja: wegschauen, in Ruhe vertieft, aber nicht glauben, man könne aktiv sehen. Die Erkenntnis ist Nichtdenken, Nichtanhaften.
Vielleicht hast du schon mal von dem deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer gehört. Er gründet sein Weltverständnis auf die gleichen Momente des klaren Sehens, wenn er versucht die „Duplizität des Bewusstseins“ zu begreifen. Seine Momente des Durchblicks fand er einsam auf Gipfelwanderungen, von wo aus er „die Welt im Chaos unter sich“ sah. Das „bessere Bewusstsein“, wie er es nannte, ist dieser Einfall des klaren Nichtdenkens in den Geist, das ich versuche zu beschreiben. Im Sehen verschwindet die Welt, verschwindest du selbst sowie Raum und Zeit, Entstehen, Vergehen und Leid – alles ist eins, alles ist Glück und Zufriedenheit. Fällst du zurück ins Jetzt, zurück in die Zeitlichkeit und Bedingtheit, zurück ins Ich, dass ein Nicht-Ich ist, ist der Moment zerronnen, die Erkenntnis eine Erinnerung aus schwachen Konturen, ohne flammende Klarheit; und die Kausalität, die Unfreiheit, Emotionen und Leid haben dich wieder in ihre Fesseln genommen. Oder wie der Buddhist Matthieu Ricard versuchte die Ursache dieser magischen Momente zu umschreiben: “wegen der Befriedung der inneren Konflikte, wegen des Gefühls der Verbundenheit mit allem, wegen der nicht in Einzelteile aufgespaltenen Wirklichkeit, wegen der vorübergehenden Abwesenheit von Geistesgiften wie Aggression oder Zwanghaftigkeit” – es sind unsere mentalen Konstrukte die uns vom wahren dauerhaften Glück trennen. Schopenhauer suchte aber woanders nach der Ursache: Sein Grund des Davondenkens ist nicht das Leid, sondern der Wille, den er in jedem Ding als treibende Kraft des Seins erkennt. Er meint nicht den eigenen oder gar freien Willen, sondern die Energie, die Präsenz eines jeden Phänomens; den universellen und ziellosen Willen als Grund und Ursache des Seins. Als solcher ist dieser verborgene Wille vergleichbar mit der buddhistischen Auffassung vom bedingten Entstehen und auch vom Leid. Denn der Wille ist nicht unser Wille, und was uns als Wollen erscheint, ist eigentlich Müssen. Auch Schopenhauers Auffassung vom Tod, spiegelt das Wissen um das „einfache“ und das geschulte „bessere Bewusstsein“ wider: Für das Erste ist der Tod die vernichtende Bedrohung seiner Existenz, eine „fürchterliche Gestalt“ und für das wahrlich sehende Bewusstsein ist der Tod eine Sehnsucht, die es endlich von dem „geheimnisvollen Bande“ mit dem lebensgierigen bedingten Bewusstsein löst. Das buddhistische Nirwana ist das Erlöschen dieser Gier, der Ego-Sehnsucht, des Anhaftens und der karmischen Kausalität – Ort absoluter Ruhe und Unbewegtheit – es ist nicht einmal ein Ort, auch kein Zustand, es ist ein Abschluss von beidem und deshalb trifft das Prädikat „sein“ überhaupt nicht mehr zu. Das Paranirwana, als vollständiges Erlöschen, ist nach dem Nirwana nur mit dem tatsächlichen, physikalischen Tod erreichbar. Doch wer zuvor das Nirwana nicht erreicht hat, der wird aufgrund seiner karmischen Bilanz weiterhin im Samsara verweilen.
Aufgrund der karmischen Kausalität, die alle Wesen an das Samsara bindet, ist die Voraussetzung zur Erlösung ein Leben entsprechend der buddhistischen Ethik, die sich auf solche Handlungen mit neutraler oder heilsamer Wirkung beschränkt und damit allen Wesen ein erfülltes Leben ermöglicht. Für so eine Lebensführung kann sich jeder, überall auf der Welt entscheiden – auch ohne in ein Kloster einzutreten und die zahlreichen Regeln der Ordination zu befolgen. Mittlerweile haben sich weltweit buddhistische Gemeinschaften gebildet, die eine Praxis entsprechend des Dharma ermöglichen, auch ohne den zahlreichen kulturellen Bräuchen rund um den Buddhismus in Asien. Die Lehre Buddhas hat in der Geschichte viele Schulen hervorgebracht und seit 100 Jahren bilden sich auch angepasste Varianten für die westliche Kultur. Es steht dir, wie allen anderen Wesen frei, die Religion zu praktizieren, die deinem Verständnis von der Natur der Wirklichkeit am besten entspricht. Der Dalai Lama spricht zu Fremden selten über den Buddhismus, ohne anzumerken, dass grundsätzlich alle Religionen eine positive Wirkung auf Menschen haben können, und sie zu mitfühlenden, rücksichtsvollen und glücklichen Wesen machen. Leider wird das nicht in allen Ländern so gesehen und ein Religionswechsel kann Probleme bereiten. Deshalb solltest du dich dem Buddhismus nur zuwenden, wenn unsere Anschauungen für dich wirklich interessant sind. Niemand sollte aus Abneigung gegen eine Religion oder Menschen dieser Religion eine andere auswählen. Nur dein eigener Wunsch aufgrund deiner Neigung kann dir als Orientierung dienen. Alle anderen Religionen gilt es genauso zu respektieren, wie jedes Wesen und dein persönliches Streben nach vollkommenem Glück. Die Entscheidung wirst nun du treffen müssen.
Shenyen
2012 den 29. Januar, Drepung



