In der Gegenüberstellung vom Glauben zweier Personen wird jede der Personen vom Glaubenden zum Wissenden.
Ohne den Wunsch des Wissens für sich selbst gehabt zu haben und ohne je den Gegenüber in seinem Glauben bestärken zu wollen, machen sie sich gegenseitig zu Wissenden, nur aufgrund der Gegenseitigkeit, und ausschließlich in der Gegenüberstellung.
Glaube meint hier nicht religiösen Glauben, sondern eine Meinung/Einstellung zu einem Thema.
Der Satz soll heißen, dass sich in einer Diskussion (bzw. als Anfang) ausgesprochene gegensätzliche Meinungen, seien sie ursprünglich auch noch so schwach ausgeprägt, aus der Natur der Sache heraus automatisch verhärten, weil versucht wird, seine ursprüngliche Aussage zu untermauern und zu vermitteln. Der Effekt entsteht aus der Dynamik der Diskussion: Umso weiter vorangeschritten wird, umso schmerzlicher wird es, die vertretene Seite aufzugeben, umso mehr wird an ihr festgehalten. Das Problem ist, indem versucht wird an ihr festzuhalten, fokussiert niemand die Wahrheit, um die es eigentlich geht. Egal wer sie hat (oder beide oder niemand), die Diskussion soll ermöglichen sie zu finden, vermitteln und weiterzuentwickeln.
Der denkende Mensch kann zwar seine Meinung ändern, aber dafür muss erst mal der Krampf des Festhaltens gelöst werden. Zum Beispiel indem man gar nicht erst verkrampft, sich mehr der Meinung des Gegenübers widmet und eine Entscheidung erst trifft, wenn alles nachvollzogen und begriffen wurde. Gelassen den geistigen Ergüssen des Gegenüber zuzuhören, ist die begehrte Rolle des “klügeren”. Fraglich bleibt, was einem die Rolle bringt, da ja niemand weiß, dass man angeblich so schlau gehandelt hat? In der Konsequenz hoffentlich unabhängigeres Denken, sowohl von seiner eigenen Person (Stolz, Erfahrungen, ..), wie auch von äußeren Einflüssen. Das wiederum ermöglicht ein klareres und beständigeres Urteil oder lässt einen neue Fragestellungen aufdecken, die zu der Wahrheit hinführen können.
Stimmt es, wie gerade beschrieben, dass aus der Rolle des Klügeren unabhängiges Denken folgt? Oder ist es umgekehrt? Eher ist es eine gegenseitiges Fördern. Die stärkere Gewichtung liegt trotzdem auf ersterem, denn das besonnene Zuhören ist Voraussetzung und schafft Freiheit zum Verstehen und reflektieren, ist ein Spagat zu beiden Meinungen ohne ständiges Dauerfeuer der eigenen Argumente, erlaubt das Zusammenführen und Bewerten.
Zurück zum Ursprungsgedanken, dass die Meinungen verhärten. Es soll heißen, dass man sich im Laufe einer solchen Auseinandersetzung weit vom Gegenüber entfernen kann, obwohl man ursprünglich dicht beieinander war, oder gar in die gleiche Richtung dachte, nur unterschiedlich stark ausgeprägt. Zusätzlich entfernt man sich genauso leicht und unbemerkt vom eigenen Ausgangspunkt (wenn schwach ausgeprägte Meinung zu angeblicher Überzeugung wird). Das sich entfernt wird, gründet in einer Differenz (sei sie noch so kleinen) die, erst mal ausgesprochen, in der Dynamik der Gegenüberstellung wächst, indem die beteiligten stärker an ihr festhalten als zuvor, weil sie Ausdruck und Teil ihrer Selbst geworden ist.
Das zu unterlassen ist, wie so oft, einfacher gesagt als getan. Eine Meinung für sich selbst zu finden geht problemlos (ob aktiv oder passiv), sie in der Diskussion prüfen zu lassen und dann entweder aufzugeben oder bestätigt zu bekommen ist ein anderes Thema. Letztendlich gehört schon zu den schlaueren unserer Spezies, wer es überhaupt schafft, in einer aufbrausenden Diskussion bei dem Thema zu bleiben und den Überblick über alle Aspekte zu bewahren. Und wie so oft, macht auch hier Übung den Meister und führt hoffentlich zu unabhängigerem denken.